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Stadtbrand, Wiederaufbau, Barockjahr: Der Stadtfuchs erzählt

Pragmatik sticht Ästhetik

Feiern in prächtigen Kostümen. Passau im Barockfieber. Der baulichen Wiederauferstehung ging eine Katastrophe voran: Der Stadtbrand. Der Stadtfuchs hat uns mehr darüber erzählt.

veröffentlicht von Susanne Wax am 08.02.2012 11:55 Uhr im Ressort Bildung & Kultur

Darf man nun eigentlich Tod und Verderben heuer ausgelassen feiern? Ist es wirklich rein ästhetisch, was die Baumeister da in die Höhe gezogen haben? Und wer war eigentlich Schuld am großen Feuer? Matthias Koopmann hat uns Antworten gegeben.

27. April 1662, Tag des Feuers. Ausgebrochen im Johannisspital am Rindermarkt, in der Mehlkammer. "Aus unbekannter Ursache", sagt der Stadtfuchs. "Man weiß nur, dass es zwischen ein und zwei Uhr mittags war. Die Brandursache ermitteln, das war unmöglich. Man hatte damals ja nicht so etwas wie eine Spurensicherung." Während die Signalkanone am Oberhaus Schüsse abgab, in einer bestimmten Anzahl, so dass jeder wusste, welches Stadtquartier betroffen war, loderten die Flammen. Griffen über, zunächst Richtung Osten, hin zum Paulusbogen – damals "finsteres Gewölbe" genannt –, den Steinweg entlang, erfassten die ganze Altstadt. Arbeiteten sich weiter über die Innbrücke in Richtung Innstadt, erreichten über einen Steg am Unteren Sand den Neumarkt.


Stadtfuchs Matthias Koopmann mit Blick auf das Gebäude, in dem der Stadtbrand 1662 ausbrach: Von der Mehlkammer des Johannisspitals (Gebäude mit Turm) aus fraßen sich die Flammen durch die Stadt. Brandursache: ungeklärt.

"Auch die Wallfahrsstiege nach Mariahilf hat das Feuer erfasst, die war damals noch komplett aus Holz", schildert Koopmann. Es entwickelte sich ein Sog bergauf, auch das Kloster wurde Opfer der Flammen. Was so verheerend an dem Brand war, was ihn sich so schnell ausbreiten ließ: die Bauweise der Häuser. "Die Bedachung der Stadthäuser bestand aus Holzschindeln. Die brannten natürlich wie Zunder", beschreibt Matthias Koopmann. Steilgiebel, in denen sich die Flammen festfraßen, mehrere Dachgeschosse, in denen Waren getrocknet und gelagert wurden. Dachformen mit viel Angriffsfläche. Fatal. Fatal auch die Reaktion vieler Passauer: Aus Angst vor herabstürzenden brennenden Teilen flüchteten sie sich in Keller und Gewölbe. Und erstickten dort. 200 Opfer forderte der 27. April 1662: "Sehr viele. Die Einwohnerzahl betrug damals 7.000", sagt der Stadtfuchs.

Die Bürger selbst waren es auch, die den Kampf gegen die Flammen antraten. An verschiedenen Brunnen wie zum Beispiel im Rathaus waren lederne Löscheimer angebracht. Koopmann: "Unter Gefahr für Leib und Leben haben die Passauer den Brand selbst bekämpft. Eine Feuerwehr gab es noch nicht." Am Abend erlosch das Feuer. Die Stadt lag in Schutt und Asche.

Die Achse des Wiederaufbaus


Der Wiederaufbau: Ihm hat Passau sein barockes Aussehen zu verdanken. Wer genau hinschaut, sagt der Stadtfuchs, der erkennt genau, dass es eine Achse des Prunkvollen gab. Eine Linie mit aufwendig gestalteten Häusern – und Nebengassen mit schlichten Fassaden. Die Achse des Barock, sie zieht sich von der Ludwigstraße über den Rindermarkt und den Steinweg zum Residenzplatz, "dem Ort mit den prunkvollsten Bürgerhäusern", so Koopmann. Es geht weiter durch die Schustergasse mit dem Leopoldinum als Endpunkt, einem weiteren herausragendem Beispiel einer aufwendigen Fassade. Die Seitengassen, sie haben ein schlichtes, wenn auch buntes Gesicht bekommen und bis heute behalten.


Das Aushängeschild barocker Fassaden: Der Residenzplatz ist am prunkvollsten ausgestattet worden.

Schön sind sie, die umrandeten Fenster mit ihren Krönungen, die vielen Ornamente an den Fassaden. Ein Gang durch Passaus Altstadt nutzt sich für das Auge nie ab. Doch glaubt man an rein ästhetische Gründe dafür, dass italienische Baumeister die Stadt nach dem Brand so herausputzten, so täuscht man sich. "Das waren pragmatische Gründe. Mit Ästhetik hat das gar nichts zu tun", sagt Matthias Koppmann. Die Bauweise der neuen Häuser – Grabendächer mit einer Attika nach oben – entsprach den neuen Brandschutzverordnungen. Die Dachform schränkte den Funkenflug im Falle eines Feuers ein, die Balustrade, die die meisten Bürgerhäuser haben, bietet den Flammen eine Mauer. Keine Vorsprünge, die herabstürzen können, dazu die Pflicht, den Dachboden mit Steinböden auszustatten, damit die Flammen nicht nach unten greifen. "Schon Ende des 16. Jahrhunderts hatte man versucht, diese Bauweise durchzusetzen. Erst nach der Katastrophe aber sah man den Sinn ein", erklärt Koopmann. Der zweite Stadtbrand, nur 18 Jahre später, war nicht so verheerend wie der erste. Nur war man in Passau noch gar nicht fertig mit dem Wiederaufbau, als sich wieder Flammen ihre Wege bahnten - vor allem der Neumarkt bleib dieses Mal aber verschont. Der zweite Brand brach übrigens im Kloster Niedernburg aus: im Apothekenlabor, in dem die Nonnen Kräuterschnäpse herstellten.

Ein Fürstbischof lässt den Stadtrat verhaften


War Passau schon vor dem ersten verheerenden Brand finanziell geschwächt – die goldenen Zeiten des Salzhandels waren längst vorbei – so gab es auch danach lange keine Hoffnung auf Aufschwung, erzählt der Stadtfuchs. Das lag vor allem daran, dass keiner richtig zuständig war: Der Fürstbischof Leopold Wilhelm, ein Habsburger, war gleichzeitig Fürstbischof von Straßburg, Halberstadt, Magdeburg, Olmütz und Breslau sowie Erzherzog von Österreich. "Er war so gut wie nie hier", sagt der Stadtfuchs. Überrascht musste er seine Stadt zerstört vorfinden. Er wollte den Aufbau vorantreiben – doch verstarb er sieben Monate nach dem Brand. Sein Nachfolger war ein Zwölfjähriger: Karl Joseph von Österreich, ebenfalls aus dem Hause Habsburg, war nicht handlungsbefugt – und von Krankheiten geplagt. Er starb zwei Jahre später. Der, der nun auf den Fürstbischofssitz kam, wollte zwar zunächst die Wahl nicht annehmen – Koopmann: "Passau war in maroder Verfassung" – doch war er es dennoch, der die Stadt wieder nach vorne brachte. Fürstbischof Wenzeslaus von Thun, ihm ist eine Büste in der Zengergasse hinter dem Dom gewidmet.


Die Büste von Wenzeslaus von Thun in der Zengergasse.
Er gilt als Vorantreiber des barocken Wiederaufbaus, als der, der vor allem den Dom in Barockgewand hüllen ließ. Wenzeslaus ging einen außergewöhnlichen Weg, um den Aufbau finanzieren zu können: Er wollte eine neue Bürgersteuer verlangen, der damalige Stadtrat lehnte sie aber ab. So lockte er die Stadträte unter dem Vorwand eines Versöhnungsessens zu sich in die Alte Residenz – und ließ sie "von der Tafel weg verhaften", sagt Koopmann. Frei kamen die Räte nur unter Zustimmung zur Bürgersteuer.

Die Katastrophe ausgelassen feiern?


Feiert Passau nun 350 Jahre Barock, so feiert sie eigentlich auch das, was der Auslöser der Baukunst war: Tod und Verderben durch das Feuer. "Man darf aber durchaus feiern", sagt Matthias Koopmann. "Man darf feiern, dass aus dieser Katastrophe die neuen Brandschutzverordnungen hervorgingen, die dazu beigetragen haben, dass sie sich nicht wiederholen konnte." Man dürfe feiern, dass man bis heute Stadtgeschichte an den Häusern ablesen kann, wenn man die Fassaden aufmerksam begutachtet. Man dürfe den Wiederaufbau feiern und die Rolle, die Passau sich nach der Durststrecke wieder erarbeitet hat. Dennoch, sagt der Stadtfuchs, müsse man auch einen nüchternen Blick auf all die Festivitäten werfen, den schlimmen Hintergrund im Hinterkopf behalten. "Es werden leicht Mythen geschaffen", sagt er. "Und Mythen sind immer problematisch."


Das Barockjahr in Passau


Über 150 Veranstaltungen gibt es in diesem Jahr in Passau, Höhepunkt wird das Festwochenende vom 31. August bis 2. September. Über eine Auswahl der Veranstaltungen haben wir hier berichtet.

Am Festwochenende hat unter anderem die Rokoko-Fechtschule große Auftritte - wir haben sie porträtiert, nachzulesen hier.

Der Stadtfuchs ist mit zahlreichen Führungen am Barockjahr beteiligt – Infos und Daten gibt es auf seiner Internetseite.

Fotos: Wax / Archiv Mischkowski


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