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Gemeinsam Leben und Lernen in Europa

Ein Verein, der vereint

Hier ein Filmfestival, da ein Aktionstag: Der Verein Gemeinsam Leben und Lernen in Europa ist ziemlich umtriebig. Und das ist in allen Bereichen. Das ist zugleich Stärke und Problem.

veröffentlicht von Laura Lugbauer am 03.05.2011 11:45 Uhr im Ressort Bildung & Kultur

Vor drei Jahren hat alles angefangen, mit dem Filmfestival „Über Morgen“ der Aktion Mensch. Das Konzept sieht ein Rahmenprogramm mit Diskussionsrunden und Expertenvorträgen vor – und eine gemeinnützige Organisation als regionalen Partner. Susanne Vesper (Cineplex, Metropolis, Scharfrichter Kino) hätte das Festival gerne nach Passau geholt. Und hier kommt Perdita Wingerter ins Spiel.

Heute ist Wingerter ehrenamtliche Geschäftsführerin des Vereins Gemeinsam Leben und Lernen in Europa. Damals war sie Geschäftsführerin der EU-geförderten Initiative Equal. In dieser Funktion hatte sie schon mehrfach mit Vesper zusammengearbeitet. „Wenn ihr doch nur ein gemeinnütziger Verein wärt“, hat Vesper damals gesagt und Wingerter zum Nachdenken gebracht. „Equal war eine GmbH, kam daher für die Kooperation nicht in Frage. Es stand aber auch das Ende der Förderung an und es war bereits klar, dass ich dort dann nicht weiter beschäftigt werden würde“, erinnert sich Wingerter. In einem Verein wollte sie den Netzwerkgedanken weiterführen. „Mittlerweile haben wir 50 Mitglieder – und darunter ist auch das halbe Equal-Büro“, sagt Wingerter.

Bedigung: Offenheit und Toleranz


Mitmachen kann jeder – „außer Nazis“, sagt Perdita Wingerter und lacht ihr breites Lachen – Hauptsache ist, er teilt die Grundwerte der Organisation – eine kooperative Arbeitsweise, Offenheit und Toleranz – und will den Verein nicht für Eigeninteressen nutzen.

Was aber macht Gemeinsam Leben und Lernen in Europa genau? Wingerter und ihre Mitstreiter wollen zum einen sichtbar machen, wo man sich in der Region engagieren kann. Aber auch Resourcen bündeln. „Ich habe beobachtet, dass es viele Organisationen gibt, die nebeneinander herwerkeln, aber kaum etwas von der Arbeit des anderen wissen“, sagt Wingerter. Oft gebe es mehrere konkurrierende Angebote für eine Zielgruppe. Und: Die Organisationen sehen oft nur ihren eigenen Bereich. „Wenn ich nur etwas für Behinderte mache oder nur für benachteiligte Kinder oder nur für Migranten, dann ist das zu kurz gegriffen“, findet Wingerter. Natürlich ist jedes Feld für sich wichtig und hat seine Berechtigung. Ihr Verein vernetzt diese Angebote und schafft Kooperationsmöglichkeiten.

Für Spender schlecht greifbar


Dementsprechend vielfältig sind auch die Vereinsziele: Die berufliche und soziale Integration von benachteiligten Menschen, das Bekenntnis gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die Förderung von Chancengleichheit für Männer und Frauen und des bürgerlichen Engagements und die Verankerung des Europäischen Gedankens.

Die Stärke des Vereins ist zugleich das größte Problem: Weil er so breit angelegt ist, ist es schwer, Förderungen oder Spenden zu aquirieren. „Die ersten zweieinhalb Jahre habe ich fast alles aus eigener Tasche finanziert“, erzählt Wingerter, die neben ihrer Tätigkeit als ehrenamtliche Geschäftsführerin selbstständig ist und einen Halbtagsjob hat. „Wenn man nur für eine bestimmte Gruppe Spenden sammelt, ist das für die Leute halt greifbarer“, meint sie.


Letzte Vorbereitungen für das anstehende Filmfestival: (v.l.) Perdita Wingerter, Irmi Sedlmayr, Johanna Wagner und Franz Szabo.

Eine festangestellte Mitarbeiterin gibt es im Büro in der Leopoldstraße, dazu einen Bürgerarbeiter – der erste in Passau und einer der 100 ersten in Deutschland – doch das wird langsam zu wenig. „Ich merke langsam: Oha, das wird groß. Die Grenze, wo wir die Arbeit noch mit Ehrenamtlichen bewältigen können, ist bald erreicht“, sagt Wingerter. Woher sie das Geld für mehr Festangestellte nehmen soll, das weiß sie aber auch noch nicht so genau. „Klar, das Klingelputzen ist zeitaufwändig und anstrengend. Auf der anderen Seite ist es aber toll zu sehen, wie sich Leute engagieren. Manche brauchen einfach nur einen Raum, um wirklich tolle Sachen auf die Beine zu stellen.“ Aber die Miete für diesen Raum muss bezahlt werden. Genau, wie der Telefonanschluss und ein funktionierender Rechner.

Der Verein Gemeinsam Leben und Lernen in Europa sieht sich unter dem Motto „Gemeinsam mehr erreichen“ als neutrale Plattform und Vermittler für Organisationen, Vereine und Freiwillige, die sich engagieren wollen. Durch seine Arbeit will er neue Lernchancen schaffen, Projekte im Bereich Bildung und Soziales fördern und initiieren, Benachteiligte unterstützen und soziale Themen sensibilisieren. Der Name kommt auch nicht von Ungefähr: Durch zahlreiche „Lernpartnerschaften“, zum Beispiel mit Österreich, der Slowakei, England, Italien und Portugal wird der europäische Gedanke gefördert. Gemeinsam Leben und Lernen in Europa ist auch Mitglied in der World Family Organisation. Seit eineinhalb Jahren gibt es das TatenNetz – eine Art Jobbörse für Freiwilligenarbeit. Interessierte können sich jeweils von Dienstag bis Donnerstag im Rahmen einer Engagementberatung informieren.
Zum Europäischen Jahr der Freiwilligenarbeit diskutieren heuer 300 geladene Gäste in Brüssel – eine davon ist Perdita Wingerter.


Das nächste Projekt des Vereins schlägt übrigens den Bogen zur Gründung: Es steht wieder ein Filmfestival der Aktion Mensch an. Diesmal unter dem Motto „Über Mut“. Vom 5. bis 18. Mai werden Filme im Scharfrichterkino gezeigt. Hier ein Überblick über den Spielplan:

- Donnerstag, 5. Mai, 19 Uhr: ANTOINE
über einen blinden Sechsjährigen
Eröffnung des Festivals mit Musik und Buffet, Film und Gespräch mit Betroffenen, Vorführung von Blindenführhund und blindentechnisch ausgestattetem Arbeitsplatz. Lokale Filmartner: Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund, K-Schule, BRK-Blindenreport

- Freitag, 6. Mai, 19 Uhr: DIE ZEIT IHRES LEBENS
über britische Intellektuelle im Altersheim
Film und Gespräch mit Heimewohnerinnen und Frauen des Besuchsdienstes des Katholisches Frauenbundes. Lokale Filmpartner: Seniorenstift Passau, Katholischer Frauenbund

- Samstag, 7. Mail, 19 Uhr: BUDRUS
über den gewaltfreien Widerstand in Palästina
Film und Gespräch, Kurzvortrag und Infostand mit Hintergrundinformationen zur Lage in Palästina. Lokaler Filmpartner: Amnesty International

- Dienstag, 10. Mai, 19 Uhr: TEENAGE RESPONSE
über 13 Berliner Jugendliche und ihr gesellschaftliches Engagement
Film und Gespräch, Jugendliche berichten über ihr Engagement. Lokale Filmpartner: Zeughaus, Malteser Jugend

- Mittwoch, 11. Mai, 19 Uhr: ROUGH AUNTIES
über Frauen, die sich in Südafrika für missbrauchte Kinder einsetzen
Film und Gespräch. Lokale Filmpartner: pro familia, Soroptimist International

- Freitag, 13. Mai, 19 Uhr: EINE FLEXIBLE FRAU
über eine ungepasste Architektin, die sich auf Stellensuche in der Leistungsgesellschaft verliert
Film und Gespräch, Infostände zu beruflichen Beratungs- und Weiterbildungsangeboten für Frauen. Lokale Filmpartner: Beratungsstelle für Frauen – Bildung und Beruf, bfz Passau, Soroptimist International, wild & weiblich

- Samstag, 14. Mai, 19 Uhr: DIE KINDER VON DON QUIJOTE
über den Kampf für Obdachlose in Paris
Film und Gespräch mit Betroffenen. Lokaler Filmpartner: Caritasverband für die Diözese Passau

- Sonntag, 15. Mai, 19 Uhr: RAINBOW WARRIORS
über das legendäre Greenpeace-Schiff und die Aktivisten von damals
Film und Gespräch zum Thema „Mut zum Umweltschutz“ mit Beispielen aus der Region, Infostand zu Kernenergiefragen und Stromanbieterwechsel. Lokale Filmpartner: Greenpeace, Bund Naturschutz

- Dienstag, 17. Mai, 19 Uhr: FRITZ BAUER – TOD AUF RATEN
über den Juristen Fritz Bauer, der in den 50er- und 60er Jahren an der juristischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit beteilgt war
Film und Gespräch. Lokale Filmpartner: Runder Tisch gegen Rechts, Regionalgruppe Passau der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

- Mittwoch, 18. Mai, 19 Uhr: MONICA UND DAVID
über die Hochzeit von zwei Menschen mit Down-Syndrom
Film und Gespräch, Abschlussveranstaltung mit Musik und Buffet, Fotoausstellung über behinderte Paare. Lokale Filmpartner: Lebenshilfe Passau, pro familia


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