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Studenten coachen Hauptschüler - und umgekehrt

Ungleiche Paare auf Augenhöhe

Speed-Dating in der Nikolaschule: Heute haben sich 21 Pärchen gefunden, die die nächsten zwei Jahre zusammen verbringen wollen. Jeweils ein Schüler und ein Student.

veröffentlicht von Laura Lugbauer am 17.05.2011 12:33 Uhr im Ressort Bilder

Rock Your Life heißt das Projekt, das die drei Studentinnen Lena-Carolin Eßer, Maria Stoy und Katharina Strohmeier nach Passau gebracht haben. Studenten begleiten dabei Jugendliche in ihren letzten zwei Jahren auf der Hauptschule. Einmal die Woche treffen sie sich mit ihren "Coachies" und stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Dabei geht es aber nicht um Nachhilfe, sondern um Hilfe in allen Lebenslagen.

Den Themen sind bei den Treffen keine Grenzen gesetzt. "Das kann eine anstehende Mathearbeit sein, aber auch ein Theaterbesuch, Hilfe bei der Suche nach einem Praktikumsplatz oder Probleme mit den Eltern", erklärt Maria Stoy. Ziel des Projekts ist es, dass die Hauptschüler einen geeigneten Ausbildungsplatz finden oder eine weiterführende Schule besuchen können.

Win-Win für Schüler und Studenten


Aber auch die Studenten profitieren davon. Sie können ihre sozialen und pädagogischen Fähigkeiten verbessern und Vorurteile abbauen. "Viele unserer Coaches wollen sich auch ganz gezielt hier vor Ort engagieren und neue Seiten von Passau kennen lernen, die einem so vielleicht verborgen geblieben wären", sagt Lena-Carolin Eßer.


Florian (14) und Angela (21)
Florian macht bei Rock Your Life mit, weil man nicht nur lernen muss, sondern auch ganz nebenbei durch die Freizeitgestaltung mit dem Coach was mitnehmen kann. "Nachhilfe macht keinen Spaß, mit Angela kann ich auch mal Wandern gehen oder ins Kino oder so", sagt er. "Na, ich seh schon, da werde ich die Passauer Umgebung gut kennen lernen in den nächsten zwei Jahren"; entgegnet ihm die European Studies-Studentin.


Die drei Initiatiorinnen machen alle in Passau ihren Master in Kulturwirtschaft und haben im Oktober mit der Gründung des Projekts begonnen. Alle waren vorher schon engagiert, haben jahrelang Nachhilfe gegeben. Maria war in der Schülervertreung, Lena hat in Namibia mit Kindern gearbeitet. Maria und Katharina sind über ein Praktikum im Friedrichshafen auf Rock Your Life aufmerksam geworden. Dort ist das Projekt entstanden. Gegründet haben es ebenfalls Studenten. "Es hat sich aber so schnell entwickelt, dass es dann professionalisiert wurde", sagt Lena. Rock Your Life ist jetzt eine gemeinnützige GmbH und funktioniert ähnlich wie ein Frachise-Unternehmen. Mehr als 12 Standorte gibt es bereits in Deutschland.

"So viel Herzblut habe ich selten erlebt"


In Passau arbeitet Rock Your Life mit der Hauptschule St. Nikola zusammen und mit der Mittelschule Salzweg. In St. Nikola war gestern das zweite sogenannte Matching. Das ist der Prozess, bei dem sich die Schüler mit ihren Coaches treffen. Wie beim Speed-Dating lernen sie sich in kurzen Einzelgesprächen kennen. Im Anschluss suchen sich die Studenten ihre Schüler aus - nicht umgekehrt. Warum das so ist? Maria Stoy erklärt: Zum einen stürzen sich meist alle Schüler auf die gleichen Studenten. "Es sind dann eben doch immer die gleichen, die die Schüler cool finden." Zudem soll bewusst die Botschaft transportiert werden: Der Coach will mit Dir was machen.

Schulleiterin Petra Seibert und MdL Walter Taubeneder haben sich das Matching heute einmal angesehen. "Ich bin absolut begeistert, von dem was ich hier sehe", sagt Taubeneder, "Dass junge Leute mit so viel Herzblut bei der Sache sind, das habe ich selten erlebt." Auch Schulleiterin Seibert ist positiv überrascht. Die Schüler und Studenten sollen sich auf Augenhöhe begegnen - so steht es im Leitfaden des Projekts und aus ihrer Sicht hat das auch funktioniert. "Ich hatte anfangs etwas Bedenken, weil nicht nur Lehramtsanwärter, sondern Studierende aller Fachrichtungen dabei sind. Die Coaches werden aber in Seminaren psychologisch und pädagogisch geschult."

Professionelle Schulungen für die Coaches


Bereits vor dem Matching absolvieren die künftigen Coaches ein Wochenendseminar mit einem professionellen Trainer. Nach sechs bis acht Treffen mit dem Schüler gibt es noch einmal einen Seminartag. Dann gibt es einen pro Halbjahr.


Lena (14) und Eva (25)
Lena findet das Projekt gut, weil die Studenten die Schüler unter ihre Fittiche nehmen, die Schule aber nicht beteiligt ist. Von der BWL-Studentin erhofft sie sich Hilfe auf dem Weg zu ihrem Traumberuf. Denn was sie mal werden will, das weiß sie schon ganz genau: Physiotherapeutin.


Insgesamt 60 Coaches sind im Einsatz, 46 Paare gibt es an St. Nikola. Die Schüler haben sich alle freiwillig gemeldet. Maria Stoy erklärt das Verfahren: "Wir sind im Februar in die Schule gekommen und haben das Projekt in kleinen Gruppen vorgestellt - auch um Cliquenstrukturen aufzubrechen. Dann sind wir zwei Tage später nochmal gekommen. Da mussten die Schüler dann den Implus geben und sagen: Ja, wir machen das mit." Mehr als die Hälfte der rund 90 Achtklässler will bei dem Projekt dabei sein.

Schüler sind begeistert von so viel Aufmerksamkeit


"Die Schüler sind begeistert", sagt Petra Seibert, "viele haben noch ganz ungläubig gefragt: Was, da kriege ich einen ganz für mich allein? Viele unserer Schüler haben berufstätige oder alleinerziehende Eltern. Ihnen tut die Aufmerksamkeit gut." Durch die Aktion hofft sie auch das Ansehen der Hauptschule zu stärken. Langfristig räumt ihr Maria Stoy da auch gute Chancen ein: "Viele der Coaches werden später mal in Positionen arbeiten, wo sie sich die Fragen stellen: Muss ich für diesen Job jetzt einen Abiturienten einstellen oder kann das auch ein Hauptschüler? Da werden sich viele die guten Erfahrungen aus dem Coaching mit einfließen lassen."

Außerdem, meinen die Initatorinnen, sind sich Hauptschüler und Studenten gar nicht so fern. Zum einen ist der Altersunterschied gering, zum anderen stehen die Studenten vor ganz ähnlichen Fragestellungen wie ihre Schützlinge: Wo will ich hin im Leben und wie kann ich diese Ziele erreichen?

"Wenn es nur einem was bringt, ist es schon ein Erfolg"


Bereits jetzt arbeitet Rock Your Life mit der Uni, der Arbeitsagentur, Handwerkskammer, IHK und regionalen Betrieben zusammen. Firmen können als Fördermitglieder das Projekt mit Spenden unterstützen, aber auch mit Praktikums- oder Ausbildungsplätzen oder Unternehmensführungen für die Schüler. Die Jugendlichen sind schon ganz gespannt auf die kommenden beiden Jahre. Und Schulleiterin Seibert sagt: "Wenn nur einer oder zwei Schüler sagen: Das hat mir was gebracht. Dann ist das Projekt für mich schon ein voller Erfolg."



Weiterführende Links zum Thema:
- Die Homepage von Rock Your Life Passau


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Passauer Universitätsnachrichten, Passauer Wirtschaft
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Walter Taubeneder , Arbeitsagentur , Spende , Hauptschule St. Nikola , Handwerkskammer

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