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Hans-Herbert Vernim macht Kunst aus ausgemustertem Holz

Die Schönheit des Unperfekten

Aalglatt kann jeder sein. Aalglatt ist jeder Tisch in vieler Menschen Wohnung. Hans-Herbert Vernim gefällt das nicht.

veröffentlicht von Susanne Wax am 27.05.2011 17:48 Uhr im Ressort Land & Leute

Er mag unperfektes Holz. Macht daraus Möbel und Kunst. Aalglatt, das gibt ihm keinen Reiz. Aalglatt, so ist auch sein eigenes Leben nicht verlaufen.

Der 57-Jährige hat seit zwei Jahren in der Passauer Theresienstraße eine Holzwerkstatt. Wirklich nur Werkstatt oder eher Atelier, Laden, Ausstellungsraum? "Alles", sagt Hans-Herbert Vernim und nimmt einen tiefen Zug seiner Zigarette. Die graublonden Haare zum Pferdeschwanz gebunden, die Kappe auf dem Kopf, ein paar Sägespäne auf dem T-Shirt und im Bart. Um ihn herum stehen Objekte aus Holz, Kugeln, Schüsseln, Regale, in der Ecke ein Hochbett, nebenan die Drechselmaschine. Werkzeug, Lappen, Holzstücke in allen Größen. Haufenweise Sägespäne. Ein paar von ihnen sind in den Ladenraum geflattert.





„So ganz besenrein kann man so eine Werkstatt nicht halten“, sagt Hans-Herbert Vernim. Er klopft sich Späne von den Hosenbeinen. Es würde auch nicht zu ihr passen. Es riecht nach Holz in der Werkstatt, und so spürt man es eben auch bei manchen Schritten unter den Schuhen. Holzstreusel machen rutschig.


Der Reiz des Makels

Hans-Herbert Vernim ist der Künstler unter den Schuhgeschäften, Klamottenläden und Lokalen in der Theresienstraße. Zwei französische Touristen locken seine außergewöhnlich geformten Objekte gerade in den Laden, sie streichen hier über eine Tischplatte, berühren da mit den Fingerspitzen eine Unregelmäßigkeit im Holz. Hans-Herbert Vernim kauft Bestände von Sägewerken auf, die nicht verarbeitet werden können: weil sie faulige Stellen haben, weil sie zu große Astlöcher haben, weil sie seltsame Verfärbungen haben oder Nägel aufweisen. Genau das gefällt ihm: "Einen perfekten Baumstamm kann jeder verarbeiten. Mich reizt das Unperfekte."

Mit der Holzwerkstatt hat Hans-Herbert Vernim seine Nische gefunden. Der Vater war schon Schreiner, schulte mit 25 Jahren zum Sozialarbeiter um: "Er hatte es im Rücken." Der Sohn sollte unbedingt etwas anderes lernen. "Mein Vater sagte: Auch du wirst es sonst im Kreuz kriegen." Denn Hans-Herbert Vernim ist groß. 1,92 Meter. "Ich habe mir halt mein Drechselgerät höher gestellt", sagt er, der im Norden geboren und 1970 in den Bayerischen Wald gezogen ist. Vernim wohnt in Aigenstadl bei Freyung. Dienstag bis Samstag ist er in Passau im Laden. Für Praktikanten und Kunststudenten, die hin und wieder bei ihm in den Räumen werkeln, stellt er Podeste an der Maschine auf.


Vom Studenten zum Hilfsarbeiter zum Schreiner zum Hausmann

Er hat es dennoch erstmal verschoben, das Schreinerhandwerk. Und Elektrotechnik in Regensburg studiert. "Aber das war mir viel zu viel Mathe." Hans-Herbert Vernim drückt die Zigarette aus. Er lässt den Blick schweifen. "So versuchte ich es doch erstmal als Schreiner und suchte eine Lehrstelle." Mit vier Freunden machte er sich später mit einer Schreinerei selbständig. Doch das war nicht von Dauer. Eine Zeitlang wollte er Musiker werden. Oder Tontechniker. Und verdiente sein Geld als Hilfsarbeiter im Regensburger Hafen. "Ich war dann eigentlich ganz zufrieden mit meinem Leben. Ein Mann am Arbeitsamt aber sagte: Wollen Sie nicht doch nutzen, was Sie schon können?"

So verschlug es ihn ins Allgäu. als Instrumentenbauer, als Schreiner, als Häuslebauer. Mit Kollegen hat Vernim ganze Gebäude komplett aus Massivholz gebaut. Das Erste entstand 1982 am Bodensee. "Nicht mal die Türen hatten Metallscharniere. Alles aus Holz. Im Allgäu geht sowas. Hier in Passau nicht. Hier ist die Bioschiene nicht so verbreitet", sagt der 57-Jährige. Nebenbei fertigte er schon Kunstobjekte aus Holz an, spezialisierte sich auf Kugeln und Möbel. Die letzten 15 Jahre konnte er sich darauf voll konzentrieren: als Hausmann.


Die Milchtüte aus Holz

Denkanstöße will er mit seinen Dingen geben, sagt er. Mit den Holzstücken in Form von Milchtüten zum Beispiel. Sie haben exakt die Größe eines Liters Milch, haben eine Falz. "Ein Liter Vollholz" steht darauf. "Ich wollte schonmal eine 1000-Liter-Holztüte machen. Einfach damit die Menschen mal sehen, wieviel Masse in einem Ster Holz steckt."

Lieber verwirklicht er aber einen anderen Plan: den, ein Boot zu bauen. "Erstmal ein kleines als Deko, zum An-die-Decke-Hängen", sagt Hans-Herbert Vernim und schaut nach oben, wo Holz-Licht-Konstruktionen hängen. Wie man so ein Boot baut, auch das weiß er in etwa schon: "Ich habe eine Zeit lang Innenausbau von Yachten gemacht."


"Die die Nase voll hatten von Love und Peace"

Da musste er mit perfektem Holz arbeiten. Das hat ihm weniger gefallen. Der Mann, der sich jetzt wieder eine Zigarette anzündet, sagt: "Ich bin froh, dass es Woodstock gab. Denn Woodstock hat das unperfekte Basteln erschaffen." Die Künstler, die die Nase voll gehabt hätten "von Love und Peace fingen an zu töpfern oder zu schreinern. Und ihre Arbeit hatte aber dennoch noch dieses Freie, Lustige." Die Welle des Unperfekten schwappte auch nach Deutschland. Gott sei Dank, sagt Hans-Herbert Vernim.


Kontakt zur Holzwerkstatt: 0171 / 9519097

Fotos: Wax


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Bundesagentur für Arbeit , Theresienstraße

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