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Rudolf Hindringer pflegt am Stadtrand uraltes Handwerk

Die Steffelmühle – ein ewiger Kreislauf

Ausgerechnet über die Straße der Möbelriesen gelangt man zu einem Kleinod: In der Steffelmühle, seitlich der Steinbachstraße, wird seit dem 17. Jahrhundert Mehl gemacht.

veröffentlicht von Susanne Wax am 16.06.2011 16:22 Uhr im Ressort Land & Leute

Der Weg zur Steffelmühle führt über ein Bordell. Dann vorbei an einer Pferdekoppel und über eine kleine Brücke. Er hat da vorne schon ein Schild aufhängen lassen, sagt Rudolf Hindringer, dass die Kunden anweist, bitte gleich da vorne zu wenden, am "Freudenhaus", wie er es nennt: „Die sind immer alle hier zu uns hintergefahren und haben mit dem Auto umgedreht. Na, wenn die Männer halt gerade so in Gedanken sind", sagt er und lacht.

Rudolf Hindringer, "der Steffelmühlner", ist 63 Jahre alt. 1982 hat er das Geschäft vom Vater übernommen: das dreigeschossige Gebäude mit den vielen Maschinen darin, die unermüdlich mahlen, mahlen und nochmals mahlen, die in einem langen Kreislauf Getreide in schneeweißes, feines Mehl verzaubern. Hindringer verkauft es in Säcken: 5 Kilo, 25 und 50 Kilo. Er liebt das Müllerhandwerk. Und er legt Wert auf gutes altes Handwerkszeug.





Steigt man aus dem Auto in der Steffelmühle umfängt einen ein Rauschen. Es kommt vom Mühlrad. Das Wasser springt munter über die Schaufeln. Es ist der Motor der Mühle. Rudolf Hindringer hat das 6,54 Meter hohe Wasserrad mit eigenen Händen erbaut. "Ach, da habe ich nicht lange gebraucht", sagt er. "Ein Jahr vielleicht." Turbinen hatte sein Vater einbauen lassen, als er das Geschäft noch führte. Rudolf Hindringer war das zu unrentabel. Er wollte wieder einen Antrieb wie früher. "Von Norddeutschland waren schon Reisegruppen da und haben es angeschaut", sagt er. Ihm ist diese Beachtung nicht wichtig. "Wichtig ist, dass es die Maschinen g'scheid speist."

Wie ein Herz, das unermüdlich arbeitet


Betritt man das Mühlengebäude, umfängt einen ein anderes Geräusch. Ein Gleichmäßiges, das aus vielen einzelnen Tönen besteht. Man spürt es jetzt auch in den Fußspitzen. Es wummert, vibriert und pocht. Wie ein großes Herz, das schlägt, dessen Venen arbeiten und pumpen. WIe ein ewiger Kreislauf. Maschinen, wohin man schaut, Säcke mit Getreide, Schaufeln, Rohre, die in der Decke verschwinden, und Trichter, die von ihr herunterreichen. Die Schälmaschine, das Silo, die Verballungsanlage, die Walz- und Mischmaschinen: Alles schaut aus wie in einem Museum. Es sind Geräte, auf die Rudolf Hindringer sich verlassen kann, erklärt er: "Die laufen auch in 100 Jahren noch." Manchmal bekomme er Angebote, neue Maschinen einzubauen. "Ich weiß nicht warum", sagt er und schüttelt den Kopf. "Sie erledigen doch die selbe Arbeit. Sie schauen nur moderner aus."

Weit und breit ist die Steffelmühle die einzige Mühle, in der noch produktiv gearbeitet wird. Hindringer beliefert Bäckereien und Privatleute. Drei bis vier Tonnen Mehl produziert er in manchen Wochen. Dass sich in Stadtrandlage ein so altes Handwerksmetier gehalten hat, bringt der Bildung in Passau was: Alle 14 Tage hat er Schulklassen da, denen er zeigt, wie aus einem Korn Mehl wird, erzählt der 63-Jährige.

"Kennen Sie sich aus mitm Droad?"


Mit dem Test, den er dann am Anfang mit den Klassen durchführt, wird nun auch der lokalnews-Besuch konfrontiert: "Kennen Sie sich aus mitm Droad?" Das Droad, das Getreide. Abgefüllt in Glasschalen. Einmal Hafer, einmal Roggen, einmal Gerste, einmal Weizen und einmal Dinkel. Letzterer, so sagt er, während er die Schalen wieder wegräumt, "ist jetzt auf einmal in Mode, weil er als besonders gesund gilt." Stimmt, sagt Rudolf Hindringer: "Es ist ein sehr unverfälschtes Getreide. Komisch dass da vorher noch keiner drauf gekommen ist."

Vom Bärtchen, das Getreide schnaufen lässt


Die Getreidekörnchen behandelt er wie kleine Schmuckstücke. Er hält ein Dinkelkorn in die Luft, spricht von dem "Bärtchen am Ende, wie kleine Härchen, durch die schnauft das Getreide. Sehen Sie es?" Grantig wird er beim Gedanken, dass die Getreideernte vieler Felder heutzutage in Biogasanlagen verheizt wird: "Schade drum. Und das ist schon auch eine Konkurrenz. Aber gut, wenn die Politik meint, dann kostet eine Semmel eben bald noch mehr, als sie es eh schon tut."

Rudolf Hindringer geht die Treppe in den ersten Stock hinauf. Hier dominieren wie im Erdgeschoss mintgrüne Rohre das Bild, die von den Maschinen nach oben durch die Decke führen. Mintgrün? "Resedagrün", verbessert er. Die Rohre transportieren das Gemahlene von Station zu Station. Auch in den zweiten Stock: Wieder überall Maschinen, ein Stampfen, ein Rieseln. "Ich mag die Geräusche", sagt Rudolf Hindringer. Und er kennt sie in- und auswendig: Wenn es mal irgendwo hakt im scheinbar wirren Kreislauf der Mühle, dann muss er die Ursache finden. "Und das hört man. Man hört nach so vielen Jahren, wo der Fehler liegt."



Gehör muss ein echter Müller haben, sagt Rudolf Hindringer. "Und Gefühl." Obwohl er seit Jahrzehnten mit den Händen arbeitet, hat sich darauf keine Hornhaut gebildet. "Das kommt davon, weil ich mein Getreide sanft anfasse", sagt er und lacht wieder. Getreide gelte es so zu behandeln, wie das, was am Ende dabei herauskommt. Mehl. Und Mehl, sagt der 63-Jährige, ist etwas Feines.

Fotos: Wax


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