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8 bis 9 Uhr: Bei Amalie Elsberger im Seniorenheim

Und eine Stunde vergeht wie im Flug

Mit Amalie Elsberger vergeht die Stunde wie im Flug. Die alte Dame in ihrem kleinen Appartment im Seniorenheim Heiliggeist-Spital. Sie macht einen fröhlich. Vormittags um 9 Uhr.

veröffentlicht von Susanne Wax am 16.08.2011 10:29 Uhr im Ressort Land & Leute
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"Wissen'S, ich will es schön haben. Ich hoffe, das merkt man", sagt sie. Sie setzt sich auf den Stuhl am kleinen Tisch am Fenster. Die gemusterte Tischdecke. Die Bilder an den Wänden, in den antiken Rahmen. Die vielen Orchideen. Die Vögel, überall. Als Keramikfiguren, auf dem Fensterbrett, auf der Kommode, als Schmuck auf einem der Bilderrahmen. Ein 85-jähriges Leben ist hierher ins Seniorenheim gezogen. Amalie Elsberger will es schön haben. Oh ja. Man merkt es.

Das Licht fällt durch das große Fenster ins Zimmer. Die Orchideen hat sie derweil aufs Regal in der Ecke gestellt, erst nachmittags will sie sie zurück ans Fenster stellen, erklärt sie. "Jemand hat mal gesagt, dieses Zimmer wäre dunkel, aber das ist es nicht. Es gefällt mir." Amalie Elsberger hat ein schönes kleines Reich am Ende eines Ganges der Senioreneinrichtung in der Heiliggeistgasse. Seit Februar lebt sie hier. Hat ihre Wohnung in Bayerisch Haibach zurückgelassen, denn das mit dem alleine Wohnen, das ging nicht mehr so leicht. Mit dem Gehen fiel es ihr schon länger schwer, "und dann bin ich heuer gestürzt und hab nicht mehr aufgekonnt." Amalie Elsberger hat graue, nach hinten geföhnte Haare, eine goldumrandete Brille und blaue Augen, dasselbe Blau wie das des Steins im goldenen Anhänger, den sie um den Hals trägt und mit dem ihre Hand während des Erzählens spielt. Sie hat sich zurecht gemacht. Nicht für den Besuch heute. Sie tut es immer. Wenn sie erzählt und lacht, so ansteckend, dann merkt man nichts von dem Alter, das sie stürzen hat lassen, man spürt nichts von Schwäche.





Sie wollte in eine Wohneinrichtung im Stadtzentrum, erzählt die 85-Jährige. Sie beugt sich über den Tisch nach vorne, schaut einen über den Brillenrand an. "Denn ich erledige ja alles noch selbst. Apotheke, Geschäfte, Supermarkt. Fast jeden Tag gehe ich vor in die Stadt." Mit ihrem Rollator, der in der Ecke steht, macht sie sich täglich auf. Schaut, was sich in der Stadt tut. Hält Ausschau nach Schnäppchen. Kauft im Supermarkt eien Orchidee, wenn sie eine besonders schöne sieht. Orchideen, die hat sie zu Hause schon gehabt, erzählt sie: "16 Stück hatte ich. Alle hab ich aber nicht mitnehmen können." Alle 16 standen sie in einer Reihe, erinnert sie sich, "weil mein Sohn mir dafür extra ein Brett geschreinert hat". Ihr Sohn, einer von zwei, es sind Zwillinge, der zweite aber lebt weiter weg, kann nicht so oft kommen. Der Andere dafür besucht sie fast täglich, auch heute war er schon da. "Er sagte damals gleich als wir dieses Zimmer besichtigt haben: Mama, da hast du ein Fensterbrett, da stellen wir deine Orchideen hin." Sie gießt sie immer freitags.

"Alle bekommen sie von mir einen Stern"


Amalie Elsberger nimmt gern teil an den gesellschaftlichen Angeboten im Seniorenheim. Sie hat ein kleines Fotoalbum. Eine Gruppe Senioren an Fasching, sie mittendrin: "Mei, da grins i blöd." Mit ein paar anderen Leuten beim Kartoffelsuppe kochen, dann eine Feiergesellschaft: Es ist ihr Geburtstag. Amalie Elsberger lacht auf dem Foto, sie hat einen Strauß Tulpen in den Händen. Sie mag die Bewohner, sagt sie, das Personal, die Pfleger, die Mitarbeiter in der Küche. Sie zählt ein paar Namen auf, lässt es aber wieder: "Ach, einfach alle. Alle bekommen sie von mir einen Stern."

Amalie Elsberger ist in Schalding l. d. Donau geboren und aufgewachsen. In Freudenhain ging sie zur Schule, dann lernte sie ihren Mann kennen. "Der war 40 Jahre bei der Post", sagt sie. Ihr Blick wandert zu einem Foto an der Wand. Es zeigt ihn in jungen Jahren. Vor vielen Jahren ist er gestorben. "37 Jahre bin ich jetzt schon allein", sagt die 85-Jährige.

Sie hat sich um die Zwillinge gekümmert - und wann es die Zeit erlaubte, in Gasthäusern und auf Festen gekocht. "Bei Märzenbieren hab ich gekocht und auf der Dult in der damaligen Bauer Hüttn. Da war was los, da hat es den Leuten geschmeckt, da hat der Wirt gesagt: So viel Umsatz hab ich noch nie gemacht." Sie hatte es gerne hektisch, erzählt sie, sie mochte es, wenn die Bestellungszettel Stapel bildeten, wenn es rund ging in der Küche.

"Ich bin vielleicht alt, aber nicht blöd"


Amalie Elsberger erzählt ohne viele Zwischenfragen. Sie spricht munter, sie unterhält einen. Berichtet, wie sie Angestellte in Passaus Läden immer wieder mit ihrem Verhandlungsgeschick verblüfft, wie sie tough bleibt beim Versuch, "mich über dem Tisch zu ziehen, ich sage dann: Ich bin vielleicht alt, aber nicht blöd." Sie nennt ein paar haargenaue Beispiele ihrer Verhandlungstaktik, "doch bitte schreiben'S das nicht." Nein, dann schreiben wir es auch nicht.

Eine Stunde, die vergeht flink, die ist nichts hier in diesem Zimmer. Doch gibt es sie natürlich auch: Die langen Augenblicke. Die, in denen Amalie Elsberger spricht und dabei traurig ist, in denen ihr kurz, ganz kurz, die Tränen kommen. Wenn sie von den Problemen mit dem Gehen berichtet, die sie auf andere angewiesen machen, wenn sie wieder auf ihre alte Wohnung zu sprechen kommt. "Wissen'S, ich habe hier solches Glück, ich habe alles. Aber es ist halt doch noch mein altes Daheim hier drin." Sie legt die Hand auf die Brust.

Amalie Elsberger will es schön haben


Daheim, erzählt sie wieder munterer, hat sie die Vögel gefüttert. "Ich hatte eine richtige Futterstation vor dem Fenster. Mei und da kamen sie, die Meisen, die Amseln, die Spatzen, alle, und wenn ich nicht pünktlich war mit dem Futter, hat es da draußen Radau gegeben." Das Lachen ist zurück. Ihr Nachmieter, erzählt sie noch, habe gesagt, er wolle das Futterhaus behalten. Die Vögel, sie hat sie mitgebracht ins Seniorenheim. In Form von Bildern und Porzellanfiguren. "Meine Vogerl": Amalie Elsberger will es schön haben.

Die Stunde ist um. Und bei der Verabschiedung auf dem Weg zur Tür - die 85-Jährige geht mit, hat sich dazu auf ihren Rollator gestützt - fällt der Blick auf noch mehr Vogelbilder neben der Tür. "Meine Vogerl", sagt sie und grinst, "mei, die sind überall. Ich hab schließlich auch einen Vogel." Man hört Amalie Elsberger noch lachen, als die Tür schon zu ist.

Foto: Wax


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Schlagwörter & Themen:
Heiliggeistgasse , Schalding , Fasching , Senioren , Freudenhain

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