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5 bis 6 Uhr: Mit dem Berufsfischer auf Donau und Inn

Der Fischer, das Wasser und seine Stadt

Langschläfer haben ein hartes Schicksal. Sie werden nie den Charme der Stadt im Morgengrauen erleben. Jedem, der nicht Anton Hartl ist, bleibt außerdem dieser Blick vom Wasser auf die Stadt verwehrt.

veröffentlicht von Susanne Wax am 04.08.2011 10:44 Uhr im Ressort Land & Leute
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Es ist nicht die Uhrzeit für große Gespräche. Ein freundlichen Nicken reicht, um „Guten Morgen“ zu sagen. Anton Hartl, Passaus letzter Berufsfischer, ist es gewohnt, allein rauszufahren aufs Wasser. Doch sie ist schön, die morgendliche Stille. Worte würden sie nur zerreißen. Und es ist schön, dass Anton Hartl extra noch den Laden in der Altstadt aufsperrt, um ein Kissen zu holen. Er wird es später auf die Bank in der Zille legen. Damit die Begleitung bequem sitzt.

Anton Hartl kraxelt die Leiter zu seiner Zille an der Schiffsanlegestelle kurz vor der Ortsspitze hinab. Möwen flattern auf. Sie kreischen nicht. 5 Uhr früh an einem Morgen im Sommer: Es ist hell. Doch die Sonne fehlt noch. Hinten, wo die Donau in einer Kurve verschwindet, dringt das Licht über Baumwipfeln empor.

Mit einer Handbewegung hat Anton Hartl klar gemacht, dass er die Treppe für die beste Zustiegsstelle hält. Die Zille wackelt beim Betreten. Das Sitzkissen liegt auf der Bank am hinteren Ende des vier Meter langen Boots. Anton Hartl startet den kleinen Motor. Sanftes Tuckern. Und dann geht es los.



Anton Hartl holt ein Netz ein. Am Vorabend hat er es an der Ortsspitze ausgelegt. Bis runter zur ZF reicht die Strecke, entlang der er fischt.


So auf dem Wasser ist man sonst nie. Der Arm ist nur halb durchgestreckt, schon gleiten die Finger durch die Oberfläche der Donau. Sofort hat man Fahrtwind, sofort riecht die Luft nach Meer. Die Entfernung zwischen Niederhaus und den Häusern am Ort scheint plötzlich enorm. Die Größenverhältnisse, die Abstände verändern sich vom Wasser aus.

Vier Fischernetze hat Anton Hartl am Abend zuvor ausgelegt. Die Fischerei auf Donau und Inn ist neben dem Geschäft mit Angelbedarf sein täglich Brot. Er liefert den Fang an Restaurants und Hotels, steht damit auf den Wochenmärkten der Stadt, er räuchert und verkauft freitags mit seiner Frau im eigenen Laden. Kleine gelbe Punkte auf der Wasseroberfläche markieren Anton Hartls Areale: Es sind die kleinen Bojen seiner Netze.

Eine Entenfamilie schwimmt davon. Schnattern.


Die ersten gelben Punkte steuert er direkt an der Ortsspitze an. Eine Entenfamilie schwimmt angesichts der tuckernden Zille davon. Schnattern. Die Stelle, an der tagsüber scharenweise Touristen stehen und den dritten der drei Flüsse suchen, ist leer. Mit einem spitzen Holzruder stößt Anton Hartl in die Wasseroberfläche. Er tastet. An einem der Haken befördert er schließlich den Anker ins Boot, der das Netz an seiner Stelle gehalten hat. Und dann wird es spannend. „Schaun wir mal, ob was drin ist“, sagt er. Erst sind die Maschen verfärbt von Algen. „Die Donau ist immer dreckiger als der Inn.“ Dann sieht man den ersten Fisch. Anton Hartl zieht das Netz weiter heraus, der silbrig-schuppige Körper kommt zum Vorschein. „Eine Nase.“ Das feine Netz hat sich eng um den Fisch gewickelt. Es ist langwierig und es erfordert Kraft, die Nase herauszuwinden. Ganz leicht schnappt der Fisch mit dem Maul. Er wird gleich in einen Eimer mit frischem Donauwasser geworfen werden, wo er wieder munter wird. Anton Hartl tötet die Fische erst, wenn er wieder an Land geht. Vom Fischfang lebt er. „Ein bisschen daboaman sie mir aber heute noch“, gibt er zu.





Noch eine Nase, dann noch eine und dann eine Brachse zieht Anton Hartl an der Ortsspitze aus dem Wasser. Immer heller wird es hinten am Horizont. Die Straßen, die man vom Wasser aus sieht, bekommen Geräusche. Einige Laster, minütlich mehr Autos. Es gilt die letzte Ruhe zu genießen, bevor Passau aufwacht.

"Schwimmen können'S ja?"


Anton Hartl steuert die Zille zum Ilzstadtufer. Nimmt Kurs auf die nächsten gelben Punkte auf Höhe der letzten Häuser da drüben. Und wieder ist das Wasser ein Erlebnis. Der Farbverlauf vom helleren Donauwasser zum Schwarz der Ilz, die sich dazumischt: schon zig Male von oben bestaunt, nun wird es spürbar. Ein Hineingleiten in die Dunkelheit. Gleichzeitig schiebt sich ein Frachtschiff in Richtung Stadt. Die Zille wird von seinen Wellen geschaukelt. Ziemlich stark. Dunkle Wogen. „Sind Sie schon mal reingefallen?“ Anton Hartl nickt. „Und was macht man dann?“ Sein Blick haftet am Ufer. „Mei. Schaun, dass'ma wieder reinkommt ins Boot. Schwimmen können'S ja, oder?“

Bis runter zur ZF zieht Anton Hartl in der folgenden halben Stunde Netz um Netz ins Boot. Ein Hecht ist dabei, noch ein paar Nasen, ein Deibel, ein paar Barben. 17 große Fische werden es sein, wenn wir später an Land gehen. Das Wasser im Eimer füllt er zwischendurch auf, die Fische sollen Sauerstoff bekommen. Ein paar sind schon tot. Die legt er auf einen Haufen mit Netzen. Der Boden der Zille ist überzogen mit brackigem, dunklem Wasser.


"Ham'S schon mal gesehn, wie die über's Wasser laufen?" Anton Hartl versetzt eine Gruppe Gänsesäger in Aufruhr.
Der Fischer spricht immer noch nicht viel. Doch liegt jetzt ein Grinsen auf seinem Gesicht. Kurz vor der letzten Station, man sieht die Kräutelsteinbrücke schon, hat er bei einem Felsen zahlreiche kleine, aus dem Wasser ragende Entenköpfe erspäht. „Schauen'S, da sand's, die Gänsesäger.“ Er beschleunigt die Zille. „Ham'S schon mal gesehn, wie die übers Wasser laufen können?“ In einer Kurve fährt er an die Felsgruppe heran. Die Gänsesäger schnattern empört, schlagen mit den Flügeln, stauben davon, und tatsächlich, es sieht aus, als würden sie übers die Donau laufen. Wasser spritzt auf. Anton Hartl lacht. Nur die Möwen, die auf den Felsspitzen thronen, haben sich keinen Millimeter bewegt. Dafür kreischen sie jetzt.

Das Raue einer Hafenstadt


Die Arbeit ist getan. Es geht zurück in Richtung Stadt. Kurz vor sechs Uhr. Autos donnern die B388 über uns entlang. Die Sonne hat sich kurz blicken lassen, ist dann hinter Wolken verschwunden. Wind kommt auf. Gleich wird es regnen. Der Anblick des Passau-Spitzes hat in dieser Kulisse das Raue einer Hafenstadt. „Heute ist das Fischen schön. Aber stellen Sie sich das bei Eis, Schnee und Sturm vor“, sagt Anton Hartl. Mit bloßen Händen windet er auch bei Minustemperaturen die Fische aus den Netzen. Manchmal, sagt er, macht dann auch der Bootsmotor nicht mehr mit. Was tut er dann? „Mei“, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Irgendwie anders schaun, dass man ans Ufer und zurückkommt.“ Man könnte ja Trampen. „Ja, getrampt bin ich auch schon.“

Doch Anton Hartl will jetzt doch noch nicht an Land. Er steuert die Engstelle zwischen einer Verlandung und dem Innstadt-Ufer an. „Hier ist es wie im Dschungel“, sagt er. Und hat recht. Äste hängen tief über das hellgrüne Wasser. Kaum ein Fließen, kaum eine Welle. Nur die Zille, die das Wasser durchgleitet. Wieder raus aus diesem kleinen versteckten Paradies, den Inn hinauf bis zur Marienbrücke. Anton Hartls Blick haftet auf den Häusern der Promenade. „Passau hat immer seinen Reiz“, sagt er. Über all die Jahre hat er sich nicht abgesehen an der Stadt. „Nie. Wo sonst gibt es so eine Stadt?“


(Wir haben Anton Hartl schon einmal porträtiert: Zum Artikel.)

Fotos: Wax


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