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0 bis 1 Uhr: Eine Stunde in der Notaufnahme im Klinikum

Die Nacht ist Arbeit, die Nacht ist Hilfe

Der Tag hat 24 Stunden. 24 Etappen. In unserer Sommerserie "Die Stadt rund um die Uhr" beleuchten wir zu jeder Stunde einen anderen Ort. Den Anfang haben wir in der Notaufnahme am Klinikum gemacht.

veröffentlicht von Susanne Wax am 19.07.2011 19:55 Uhr im Ressort Land & Leute
Mehr zum Thema: Alle Beiträge zum Thema "24 Stunden Passau" findest Du auf unserer Themenseite.

Heute kommt noch was. „Das spüre ich. So gegen zwei, drei Uhr und dann nochmal gegen sechs Uhr.“ Ute Richter geht den Gang der Notaufnahme entlang. Das war es noch nicht in dieser Nacht mit den Patienten. Jetzt gerade aber, jetzt ist es ruhig. Über ihr an der Wand hängt die große Uhr. Der Zeiger steht auf 24 Uhr. Es ist Mitternacht in Passau. Und eine arbeitsreiche Stunde im Klinikum Passau wie jede andere.

Ute Richter, Krankenschwester und Praxisanleiterin, 44 Jahre alt, hat Nachtschicht in der orthopädischen Ambulanz. Die Orthopädische, das heißt: Hierher kommen alle Notfälle, die mit Wunden zu tun haben. Unfälle, Brüche, aber auch ausgeschlagene Zähne, ausgerenkte Halswirbel, und: Zeckenstiche. „Wegen Zecken kommen viele zurzeit“, sagt Ute Richter, während sie die Tür zum Schockraum öffnet. Die beiden Liegen sind leer, sie breitet frische weiße Tücher darauf aus. Dahinter stehen Defibrillatoren, Wiederbelebungsgeräte, hängen Schläuche für Bluttransfusionen. Hier lagen heute Nacht schon mehrere Personen, die verarztet werden mussten. „Wir hatten einen schweren Fahrradsturz“, sagt Ute Richter. „Der Patient sprach nur Spanisch.“ Sie kann zwar Englisch, sagt sie, „ein bisschen Russisch“, aber kein Spanisch. Ein Passauer Hausarzt hat ihnen weitergeholfen: Er kam zum Übersetzen in die Ambulanz.

Um die Spielfilmzeit beginnt die Schicht


Ute Richters Schicht geht von der Spielfilmzeit bis zum Zeitpunkt, an dem bei vielen Passauern der Wecker klingelt: von 20.15 bis 6.15 Uhr. Zehn Stunden. Gute sechs liegen noch vor ihr. Die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt und den wachen, blauen Augen geht mit schnellen Schritten zum nächsten Zimmer. „Ich mag es, nachts zu arbeiten“, sagt sie. „Es hat alles nicht diese Hektik vom Tag.“ Sie steht jetzt im Gipsraum, räumt Verbandszeug in ein Regal, wirft ein Blick auf den Computerbildschirm. Er zeigt das Röntgenbild einer Hand. „Eine Mutter war heute mit ihrem Kind da. Das hat sich vor ein paar Tagen in der Schule verletzt und der Schmerz wurde gar nicht besser.“



Ute Werner bereitet Operationsbesteck vor.


Bei jedem, der in die Ambulanz kommt, wägt Ute Richter ab: Wie schwer ist die Verletzung? Welche Versorgung ist nötig? Die jeweiligen Ärzte werden von ihr alarmiert. Auch im Schlaf. Ist irgendwo ein schwerer Unfall, melden sich die Rettungskräfte rechtzeitig bei ihr, geben durch, wie viele Patienten mit welchen Verletzungen wann mit dem Sanka im Klinikum eintreffen. Dann muss die 44-Jährige schnell handeln, die Ärzte rufen. „Es kommt natürlich auch vor, dass sie wegen eines Zeckenbisses nachts heraus geläutet werden.“ Doch gibt es in ihrem Beruf keine Unterscheidung zwischen schlimmem und weniger schlimmem Notfall. „Jedem wird geholfen. Keiner wird weggeschickt“, sagt Ute Richter.

Ein Sankafahrer kommt den Gang entlang, fragt nach einer Salbe für sich selbst. Ute Richter sucht kurz danach. „Na, wie lange bist du heut da?“, fragt er sie. - „Bis nach sechs.“ Er geht wieder Richtung Ausgang. „Na dann sehen wir uns noch.“

Helfen. Das ist es, was die Grubwegerin in ihrem Beruf antreibt. Zu helfen, es zumindest mit allen Kräften zu versuchen. „Man darf sich in meinem Job nicht denken: Oh Gott, es könnte an jedem Tag ein schrecklicher Unfall passieren. Man muss sich denken: Ich kann diesen Menschen helfen.“

Doch gibt es sie, die Tage, an denen jede Hilfe vergebens ist. Die Tage, an denen jemand stirbt auf der Liege der orthopädischen Ambulanz. Als dieses Kind vor ein paar Wochen dalag, alle Wiederbelebungsversuche waren gescheitert, da schaltete Ute Richter einen Automatismus in sich ein. Sie und die Kollegin haben das Kind gewaschen. Es sollte „vorzeigbar“ sein, wenn die Eltern kommen. „Und dann haben wir uns um den nächsten Patienten gekümmert.“ Sie will weitersprechen, bricht kurz ab. „In so einem Moment, was tut man da. Man will sich kurz zurückziehen, aber es sind Menschen mit Verletzungen da, um die man sich kümmern muss. Richtig darüber nachdenken, was passiert ist, das kann man erst später.“

Ute Richter hat gelernt, mit dem Tod am Arbeitsplatz umzugehen. Sie hat gelernt, Menschen im ersten Moment des Schocks, des Nicht-Wahrhaben-Wollens, gegenüberzutreten. Trotz der menschlichen Tragödien liebt sie ihren Beruf. „Ich wollte immer in die Notaufnahme“, erzählt sie. „Hier lernt man stetig dazu. Wir sind ein festes Team, und es will keiner die Abteilung wechseln.“ Seit 1990 arbeitet sie am Klinikum Passau, seit 1992 in der Ambulanz.





Nach einer Tour durch die Räume, nach kleinen Aufräumarbeiten setzt Ute Richter sich kurz in den Aufenthaltsraum, trinkt einen Schluck Kaffee. „Eine Tasse reicht mir pro Nacht“, sagt sie. Es ist kurz nach halb eins. Bald ist die Ruhe vorbei, sagt ihr ihre Erfahrung: „Die Nacht ist noch lang.“

"Ich mag es, das Nachtarbeiten"


Nebenan in der internistischen Notaufnahme ist gerade eine hektischere Stunde. Hier landen die Patienten mit Herz-Kreislauf-Problemen – und davon gibt es momentan während der Hitze viele, erklärt Helge Schrimpf, die einen von Station zu Station führt. Helga Schrimpf hat Hauptnachtwache im Klinikum. Das heißt: Sie ist Springerin und gleichzeitig Vermittlerin aller Stationen. Sie macht Pausenablösungen, packt mit an, wenn es in einer Abteilung besonders stressig ist. Sie hat stets ein Telefon bei sich. Und sie arbeitet nur nachts. Seit vier Jahren. Wie auch Ute Richter sagt sie: „Ich mag es, das Nachtarbeiten. Es ist eine andere Stimmung.“



Helga Schrimpf, Hauptnachtwache, blättert in Unterlagen.

Sie klopft an die Tür zum Stationszimmer der internistischen Ambulanz. Da herrscht Geschäftigkeit. Mehrere Schwestern und Pfleger blättern in Ordnern, eine sitzt am PC und tippt. Corina Schreindl, 25 Jahre alt, seit 2006 arbeitet sie auf dieser Abteilung. Sie erfasst Namen und Daten der Patienten, die in der letzten Stunde hereingekommen sind. 24 Männer und Frauen liegen auf die Zimmer verteilt. Ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall, viele Kreislaufbeschwerden, ein paar Allergiker mit Wespenstichen. „Montags ist viel los“, sagt sie. „Immer. Nach dem Wochenende, da ist irgendwas mit den Leuten.“ Sie tippt Namen und Nummern ein. Ein Mann kommt an die Tür, fragt, in welches Zimmer seine Mutter heute nach der Untersuchung gebracht wird. Er hat sie mit Kreislaufbeschwerden hergebracht. Eine Schwester bespricht sich mit ihm auf dem Gang.

Sorge liegt in den Gesichtern der Begleitungen der Patienten, die vereinzelt auf dem Gang stehen. Sorge, doch ist da nichts von der Panik, die man sich oft nebenan in der Orthopädie bei den Angehörigen von Unfallopfern ausmalen mag. „Wenn hier jemand stirbt, ist es ein anderes Sterben“, sagt Corina Schreindl und unterbricht ihre Arbeit kurz. „Natürlich ist es schlimm. Aber es ist nicht der plötzliche Tod junger Leute nach einem Unfall. Bei uns sind es meist alte Menschen, bei denen es jetzt einfach zu Ende geht.“



Corina Schreindl erfasst Patientendaten.


Junge Menschen werden mit anderen Leiden eingeliefert in die internistische Notaufnahme: mit zu viel Alkohol im Blut, mit einem vom Feiern erschöpften Körper. Volksfeste, Bootspartys, Abschlussfeiern: Wenn so etwas ansteht, sagt Corina Schreindl, dann weiß man in der Internistischen: Diese Nächte werden anstrengend. Auch in Sachen Kommunikation. Lernt man ihn über die Jahre, den Umgang mit Betrunkenen? „Keine Diskussionen mit Betrunkenen führen“,sagt Corina Schreindl ohne eine Sekunde zu zögern, die Kollegen hinter ihr lachen und nicken.






Die Nacht endet um sieben


Heute, am Montag, wird das Nachtleben erfahrungsgemäß keine partygeschädigten Leute in die Notaufnahme treiben. Im grünlich-hellen Licht im Gang verlassen ein paar Angehörige die Notaufnahme. Die Patienten sind gut versorgt, es ist Zeit selber ins Bett zu kommen. Corina Schreindl schaut auf die Uhr an der Wand. Es ist eins. Ihre Nacht endet um sieben.


Krankenhaus bei Nacht: Die Türen sind geschlossen. Zutritt bekommt, wer an der Tür rechts die Klingel betätigt.

Fotos: Wax


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