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4 bis 5 Uhr: Auf Tour mit der Zeitungsträgerin

Nebenjob, Auszeit und Frühsport

Vor dem Einkaufszentrum Pell in Neustift türmen sich mehrere Stapel Zeitungen. Eine Frau schließt gerade die Heckklappe ihres schwarzen Kleinwagens. Bevor sie wegfährt, winkt sie Carolin Huber zu.

veröffentlicht von Laura Lugbauer am 01.08.2011 15:19 Uhr im Ressort Land & Leute
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Die hat den Kofferraumdeckel ihres roten Auto noch geöffnet und lädt Zeitungspäckchen ein. Es ist vier Uhr früh. Ihr Arbeitstag hat gerade angefangen.



Carolin Huber (32) ist eine von rund 1.150 Zeitungsausträgern der Passauer Neuen Presse. Neustift teilen sich fünf Zusteller. Seit acht Jahren macht Carolin Huber den Job. Ihr Arbeitstag beginnt zwischen drei und vier Uhr früh, je nachdem, wie viele Zeitungen sie auszutragen hat. Normalerweise verteilt sie etwa 100 Stück, heute muss sie aber zusätzlich einen Kollegen vertreten - macht nochmal 90 Stück. Neben der Heimatzeitung hat sie auch noch einige Ausgaben der Süddeutschen Zeitung dabei, die Frankfurter Allgemeine, die Welt und die Bayerische Staatszeitung.

Eine Spur aus Licht


Die ersten vier Abonnenten fährt sie noch mit dem Auto an, dann geht es ein Stück zu Fuß weiter. „Mit der Zeit hat man schon raus, wo man mit dem Auto fährt und was man lieber zu Fuß geht“, sagt Huber. Sie ist eine sportliche Frau. Die braunen Haare trägt sie kurz geschnitten, die Kleidung ist praktisch: eine graue Cargohose, ein lila T-Shirt, darüber eine schwarze Fleecejacke, Turnschuhe. Schminken oder hübsch machen, das lohnt sich für die Arbeit nicht, sagt sie und lacht. Ein freundliches, munteres Lachen. „Sieht mich ja eh keiner.“ Nur die silbernen Ohrringe, die sie trägt, fallen etwas aus dem Bild.

Carolin Huber marschiert mit energischen Schritten die finstere Neustifter Straße entlang. Auf ihrem Gesicht liegt immer ein Lächeln. Und auch, wenn sie noch etwas müde ist, wirken ihre Augen hellwach. Um diese Zeit ist es noch stockdunkel, Laternen gibt auch nicht in allen Seitenstraßen, aber sie weiß genau, wo sie langgehen muss. Treppen und Stolpersteine übersteigt sie, ohne langsamer zu werden. Das einzige, was sich bewegt, ist eine Katze, die über die Straße huscht. Als sie die Zeitungsträgerin sieht, bleibt sie kurz stehen, schaut neugierig nach oben. „Na, Miezi, heute hab ich nichts für dich“, sagt Carolin Huber. An manchen Häusern sind die Außenlampen mit Bewegungsmeldern ausgestattet. Da hinterlässt die 32-Jährige eine Spur aus Licht im nächtlichen Neustift.

Einen festen Schlafrhythmus hat sie nicht


Sie geht von Haus zu Haus, außer dem Geräusch, das ihre Schuhe machen, wenn sie auftritt, ist es ganz still. Wach ist um diese Zeit noch niemand. Zumindest brennt noch nirgends Licht. Zwischendurch geht es immer wieder zurück zum Auto, Nachschub holen. Sie öffnet den Kofferraum, zählt die Ausgaben für die nächste Seitenstraße ab, trinkt einen Schluck Spezi. Vom Gehen sind ihre Wangen gerötet. Die Jacke legt sie im Auto ab. „Es ist doch wärmer, als ich gedacht hab.“

Eine, manchmal auch eineinhalb Stunden braucht sie für ihre Runde. Spätestens um halb Sieben muss sie fertig sein, erklärt sie: „Damit auch alle ihre Zeitung pünktlich zum Frühstück auf dem Tisch haben.“ Auch sie selber wird erstmal frühstücken, wenn sie heim kommt, sagt sie. Ob sie sich dann nochmal hinlegt oder nicht, das wird sie dann entscheiden. „Im Moment habe ich nämlich frei“, erklärt sie. Das Zeitungaustragen, das macht sie nur nebenbei. Tagsüber ist Carolin Huber Busfahrerin bei den Stadtwerken. Das bedeutet auch: Schichtdienst. „Einen festen Schlafrhythmus? Nein, den hab ich überhaupt nicht“, sagt die Mutter einer zwölfjährigen Tochter. Geschlafen wird, wann eben Zeit dafür ist. „Klar, manchmal ist das schon hart.“

Frische Luft und Bewegung - "Da kann ich gut abschalten"


Auf der anderen Seite schätzt sie ihren Zweitjob – wegen der Ruhe. „Es ist ein schöner Kontrast“, sagt sie. „Es ist ganz still, ich bin an der frischen Luft, hab Bewegung – da kann ich gut Abschalten.“ Es ist ihre Art von Frühsport. Und irgendwie auch eine Auszeit.

Das Zeitungspaket trägt sie mit beiden Händen vor der Brust. Noch im Gehen faltet sie die Ausgaben mit geübten Bewegungen zusammen: Einmal in der Mitte für die Briefkästen mit Klappe, zwei Mal für die Rollen. Welches Modell an welchem Haus hängt, das weiß sie schon lange auswendig.

Um 4.40 Uhr hat Carolin Huber ihre eigene Runde für heute abgeschlossen. Jetzt kommt noch das Gebiet des Kollegen dran. Dafür geht es erstmal wieder ein Stück mit dem Auto weiter, in die Max-Mattheis-Straße. Auf das Anschnallen verzichtet sie. Das quittiert ihr Auto mit einem Piepsen. Immer sechs Mal hintereinander, dazwischen liegt eine kurze Pause. Dazu läuft leise der Radio. „Ich mache eigentlich gern Vertretungen“, erzählt sie. Vor allem in den Neubaugebieten: „Da schaue ich dann in die Gärten und lass' mich ein bisschen inspirieren, was ich bei mir zu Hause alles machen könnte.“ Beim Gedanken daran tritt ein beinahe vergnügtes Grinsen in ihre Gesicht. „In der Fußgängerzone bin ich allerdings nicht so gern.“ Und schon ist das Grinsen weg. „Da kann man direkt Angst kriegen mit den ganzen Nachtschwärmern, die dann teilweise auch noch randalieren.“ Nein, da hat sie lieber ihr ruhiges Neustift, wo die Straße frühmorgens ihr ganz allein gehört. Sie lächelt wieder.

Briefkästen mit Kreide und eine Erinnerung


Langsam wird es hell. Jetzt erkennt man auch die vielen Leberflecke auf der Haut der 32-Jährigen, die die Nacht bisher versteckt hat. Aus der Seitenablage ihres Audi zieht sie eine Liste. Da hat sie sich aufgeschrieben, welche Anwohner eine Zeitung bekommen. An den Wohnblöcken hat der Kollege für sie die richtigen Briefkästen mit Kreide markiert. „Das erinnert mich immer an meine Kindheit“, sagt sie. Carolin Huber stammt aus Polen, mit acht Jahren ist sie mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen. „Aber ich weiß noch, bei uns gab's damals auch solche Plattenbauten.“

Nur noch ein paar Häuser, dann ist die Tour für heute beendet. Dann kann die 32-Jährige nach Hause. „Ich merk' jetzt schon, dass ich ein bisschen langsamer werde, langsam wird’s Zeit, dass ich fertig werde. Aber ich hab's ja gleich geschafft“, sagt sie. Hinter einigen Fenstern brennt jetzt schon Licht. Um fünf Uhr dann: der erste Fußgänger. Neustift wacht langsam auf.

Foto: Laura Lugbauer


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