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12 bis 13 Uhr: Mittagspause beim Metzger

Leberkäse und Lebensweisheiten

Der Arbeitsplatz von Jürgen Voggenreiter und Annette Wachtveitl ist ein Biotop. Hier leben verschiedene Arten in Harmonie zusammen, bedrohte Gattungen finden Zuflucht.

veröffentlicht von Laura Lugbauer am 31.08.2011 09:08 Uhr im Ressort Land & Leute
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Es ist warm und heimelig und für jeden gibt es ein Platzerl. Auch wenn es um die Mittagszeit, wie jetzt um Zwölf, ganz schön voll wird. Das Biotop ist idyllisch an der Neuburger Straße gelegen. Über der Tür steht „Essen ist Genuss“ und „Schmankerlstube“. Draußen fahren auf vier Spuren Autos vorbei. Doch sobald man die weiße Glastür öffnet, ist man in einer Parallelwelt. „Griaß di, sechs Warme zum mitnehma, ge?“ Hinter der Theke steht der Mann, der bei den meisten Kunden schon genau weiß, was sie wollen: Metzger Jürgen.



Aus der Glastheke fischt er den Leberkäse, säbelt sechs Scheiben ab, die erst in Semmeln und dann in Alufolie packt. Dann reicht er den drei Männern – offensichtlich Maler, denn die Arbeitshosen sind voller Farbflecken – die eingetüteten „Warmen“ über die Theke. „Na kommt's glei zu mir her“, flötet Annette ein paar Meter weiter vorne von der Kasse. Sie steht bereits in Position zum Kassieren, tippt einfrig auf die Tastatur ein, die das mit mehrfachem Piepsen quittert. „An Guadn, ge, Pfiat eich, bis Freitag.“

Schaschlik und Weihnachtslieder im Sommer


Hier sitzen sie alle zusammen: Die Bauarbeiter und Anzugträger, die Chefs und Lehrlinge, die Senioren und - wenn nicht gerade Ferien sind - die Jugendlichen vom nahegelegenen Schulzentrum. Die Eiligen und die Stammtischbrüder. Wie der Ralf, der hier seit 30 Jahren seinen Platz im Eckerl hat, wie Annette erzählt. "Aber der is grad ned da, der is auf Kur. Aber der kommt ma scho wieder."

Es riecht nach Essen; Bratensoße, Frittierfett und Gewürze liegen in der Luft. Dazu das Klappern: von dem Besteck, das über die Teller schabt, von den großen Löffeln, mit denen Jürgen das Essen auf die Teller schiebt oder das Tiroler G'röstl in der Pfanne umrührt, das, das irgendwo aus der Küche kommt, wo gespült wird. Dazu das Piepsen der Kasse, an der Annette geschäftig tippt, das Knistern der Alufolie, wenn die Leberkässemmeln eingepackt werden und das Scheppern der Maschine, die auf die Aluschälchen zum Mitnehmen den Deckel presst. Darüber gelegt: Das Gemurmel der Gäste, das man unweigerlich in Fetzen aufschnappt.

"Ah, den gibt’s ab am Grundpreis von so 75, 76.000." "Bittschön die Dame." "Mei is da nu frei?" "A Schaschlick und a Wasser bittschön." "Des is mit Feng Shui oder so an Krampf." "Mei, i wann a Photovoltaik-Anlag hätt, na dat i ja im Sommer scho Weihnachtsliader singa." "Habt's es nu an Surbrodn?"

Nicht alle sind so gesprächig wie der Stammtisch, der rechts hinten im Eck über AMG-Felgen diskutiert. Einen Tisch weiter sitzt ein Mann im Hemd, der über seinem Geschnetzelten in die Zeitung versunken ist. Noch einen Tisch weiter ein älterer Mann. Vor ihm steht sein leerer Teller, er schaut abwechselnd auf den Fernseher oben im Eck, auf dem tonlos die Nachrichten laufen, und in die Runde. Am Nachbartisch nimmt ein ebenfalls älteres Ehepaar Platz.

"Da Salat is a weng koid, ge?"


„Was hast jetzt nachad du, Karl?“, fragt die Frau. „G'rästl“, murmelt der. „Schmeckt's da, Karl?“, fragt sie weiter, und bekommt zur Antwort ein Brummen. Auch ihre weiteren Gesprächsversuche werden mit einem kaum vernehmbaren „Hm“ quittiert: „Mein Gschnetzelts is a recht guad, Karl“, „Da Salat is a weng koid geh?“. Für ein paar Minuten gibt sie auf. Dann ein letzter Anlauf: „Aber an guadn Essig hams, ge?“ „Hm.“ Die beiden essen in Schweigen weiter.

Dafür hat sich am Tisch des älteren Herren ein angeregtes Gespräch ergeben. Ein junger Handwerker hat sich mit an den Tisch gesetzt. Der Ältere hat sich in Rage geredet, es geht um die Nachrichten und Afghanistan. „Da schiassn die umanand und was ham's hernach davo?“, ruft er Alte. Der Jüngere schneidet an seinem Schnitzel herum und nickt in regelmäßigen Abständen. Von der Theke hört man ein Brutzeln. Jürgen hat gerade neue Würste aufgelegt,die Schlange geht schon fast bis zur Tür.



Ein Lächeln haben Jürgen und Annette trotzdem für jeden übrig. Letztere hat ihre blonden Locken zu einem hohen Zopf gebunden, der Pony türmt sich über ihrer Stirn auf. Ihr Brille ist rot, farblich abgestimmt auf ihre Arbeitsbluse. Sie wechselt zwischen der Essenstheke und der Kasse. Wenn sie hin und her läuft, dann tut sie das mit hocherhobenem Kopf, der Haarbuschen wippt, die Schultern hat sie nach hinten gezogen. Wichtig wirkt sie und geschäftig, aber jeden einzelnen Kunden begrüßt sie mit einem breiten Lächeln, das von knallrotem Lippenstift umrahmt wird.

Man muss auch mal Prioritäten setzen


Jürgen rattert schon zum zehnten Mal herunter, was noch in der Theke liegt: „Surbraten, Hackbraten, Schnitzel, Gröstl, Cordon, Currywurscht. Ja, war viel los heut“, sagt er mit einem entschuldigenden Lachen, bevor er mit einer schwungvollen Geste das bestellte Schnitzel aus der Theke fischt, die jetzt, um 12.45 Uhr schon ganz schön ausgeräumt ist. Dafür werden auch die Kunden langsam weniger.

Jürgen putzt die Theke, Annette steht an der Kasse. Vom Tisch in der Ecke, wo seit gut einer Stunde über Autos diskutiert wird, steht einer auf und kommt herüber. „An Kaffee, Hans?“, fragt Annette und bekommt zur Antwort ein Nicken. Während sie an der Maschine zugange ist, kommt auch Jürgen herüber. „Mei, Hans, ha, was sagst jetzt nachad zum Schumi?“

Smalltalk gibt es über der Theke immer. Aber auch Lebensweisheiten. Um kurz vor Eins kommt eine junge Frau zur Tür herein. „Mei heut bist aber spät dran!“ grüßt Annette. „Ja heut war so viel los im Büro, ich hab's heut ned eher g'schafft.“ „Also weißt“, sagt Annette mit bedeutungsschwerer Stimme und mütterlich-strengem Gesichtsausdruck, „man kann ned immer nur arbeiten. Ma muaß a amoi was essen.“

Fotos: Lugbauer


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