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Ein Besuch bei der Studentenverbindung Oeno Danubia

Füxe und Alte Herren: Die komprimierte Lebensschule

Düstere Stammtischatmosphäre, politisierende „Erfolgswellen“-Typen mit Narben im Gesicht – mit Erwartungen dieser Art mache ich mich auf den Weg in die Altstadt.

veröffentlicht von Andrea Bogensperger am 14.09.2011 09:01 Uhr im Ressort Land & Leute

Ich bin eingeladen zum Stammtisch der Studentenverbindung Oeno-Danubia in der Schustergasse.
An der massiven Eingangstür, die in den Kellerbereich der Jesuitenkirche führt, hängt ein Messingschild: „Katholische Deutsche Studentenverbindung Oeno-Danubia im CV“. CV, das ist der Kartellverband, der Dachverband von über 80 Hochschulverbindungen in Deutschland. Aus dem Inneren dringt Schlagermusik. Ich klingle, wage einen ersten Blick in die alten Gemäuer. Im Eingangsbereich hängen ein paar Jacken, am Boden stehen Farbeimer und gebrauchte Pinsel. Durch einen kleinen Saal, der aussieht wie ein altes Wirtshaus, gehe ich in Richtung Bar. Ausgestopfte Füchse mit bunten Bändern um den Hals hängen an der Wand, in einer Ecke steht ein altes Klavier, eine Art Rednerpult ist aufgebaut. Im hinteren Raum stehen etwa zehn Jungs am Tresen, trinken Bier, ratschen. Ich komme mir fast vor, wie in einer ganz normalen Studentenkneipe. Aber nur fast. Es sind kaum Mädchen da, die Studenten tragen farbige Bänder um die Schultern.


Jeden Sonntag geht's zusammen in die Kirche


Ich werde freundlich begrüßt, jeder stellt sich sofort mit Namen vor, die Jacke wird mir abgenommen, etwas zu trinken angeboten. Scheint, als wäre ich unter lauter Gentlemen gelandet. Maximilian Ott, Senior, sprich Vorstand der Verbindung, entschuldigt sich sofort für die Unordnung. Sie hätten die letzten Tage gestrichen und renoviert, Altstadthäuser seien eben nicht immer ganz perfekt in Schuss. Max studiert im fünften Semester Jura – der Klassiker unter den Verbindungsleuten? „Nein“, meint er. Bei den „Oenos“ seien die rund zwanzig aktiven Mitglieder bunt zusammengewürfelt aus verschiedenen Studiengängen. „Sogar einen Kuwi haben wir. Nur Medien und Kommunikation und Sprache-und-Textler nicht.“ Damit wäre das erste Vorurteil schon mal aus dem Weg geräumt.

„Überhaupt kann man von einer Verbindung nicht auf eine andere schließen. Jede ist individuell. Mag sein, dass vielleicht in anderen Gruppen in Passau vor allem BWLer und Juristen sind, bei uns ist das aber nicht so“, erzählt Max. Im Übrigen sei eine Burschenschaft nicht zu verwechseln mit Corps oder konfessionellen Verbindungen, zu letzteren zählt die Oeno-Danubia. Burschenschaften sind eine tradierte Form der Studentenverbindung. Sie sind farbentragend und meist schlagend. Während die ältesten Gruppierungen, die Corps – hierzu gehört in Passau das Corps Budissa – unpolitisch, unreligiös und schlagend sind, sind konfessionelle Verbindungen in der Regel nicht schlagend und leben ihre religiöse Grundeinstellung auch aus. Jeden Sonntag etwa geht die Aktivitas (die aktiven Mitglieder der Verbindung) in den Gottesdienst, erst kürzlich feierten drei Bundesbrüder (Mitglieder der Verbindung) außerdem ihre Priesterweihe.

Unterricht für die Neuen: Geschichte der Verbindung, der Stadt - und Liedgut


Unter welchen Voraussetzungen kann man eigentlich der Verbindung beitreten? „Eigentlich gibt es nur drei Bedingungen: Jeder der männlich, katholisch und an der Universität Passau immatrikuliert ist, kann Mitglied bei der Oeno-Danubia werden“, erklärt mir Max. Wer sich dafür interessiert und als Neuling zu den Oenos kommt, ist zunächst für etwa ein Jahr „Fux“. Die Fuxenzeit, eine Art Probezeit, heißt deshalb so, weil man sich erst einmal gegenseitig „beschnuppern“ muss. Die „Neuen“ erkennt man daran, dass ihre Bänder nur zwei Farben haben, die der anderen Mitglieder sind dreifarbig. Max lässt mich einen Blick in die „Fuxenfibel“ werfen. Ein gut 50-seitiges Geheft in Spiralbindung, sozusagen das „Standardwerk“ der Verbindung. Hierin steht alles, was ein Fux innerhalb eines Jahres wissen muss. Unterstützt werden die Füxe dabei vom Fuxmajor, eine Art Lehrer, bei dem sie auch Unterricht haben. Auf dem Stundenplan stehen etwa die Geschichte von Verbindungen im Allgemeinen, die der Oeno-Danubia im Speziellen, Stadtgeschichte und Musikunterricht, diverse Verbindungslieder und bekanntes deutsches Liedgut, z. B. „Die Gedanken sind frei“. Nach der Probezeit werden die potenziellen Mitglieder auf Lebenszeit dann über den Inhalt der Fuxenfibel mehrere Stunden abgefragt.


"Füxe" nennt man zukünftige Mitglieder während ihres ersten Jahres in der Verbindung, weil man sich erst einmal gegenseitig "beschnuppern" muss.
Die Bar füllt sich langsam, Füxe, Aktive, Alte Herren – so nennt man die Verbindungsleute, die ihr Studium schon abgeschlossen haben und im Beruf stehen – außerdem zwei, drei Leute, die keine Oenos sind, sind mittlerweile versammelt.

Zu jung für "Vitamin B"


Max erzählt mir, wie er zur Oeno-Danubia gekommen ist. Damals, im ersten Semester. „Ich wusste erst mal gar nichts über die Verbindung. An der Uni hab ich ein paar Leute kennengelernt, die meinten dann, ich solle mir das Ganze doch einfach mal anschauen. Und es hat gepasst.“ Ob er auch zu einer schlagenden Verbindung gegangen wäre, wenn er eben andere Leute kennengelernt hätte? „Ja, durchaus möglich“, meint er. Doch Was-wäre-gewesen-wenn-Fragen sind eben schwierig zu beantworten.

Welchen Nutzen zieht man eigentlich aus der Mitgliedschaft in einer Verbindung? Spielen nicht „Connections“, durch die man an tolle Praktika und Jobs kommt, eine wichtige Rolle? Bei der Oeno-Danubia sei das nicht der Fall, so Max. Zunächst einmal sei die Verbindung ja noch recht jung, entstanden ist sie 1979, kurz nach Gründung der Universität Passau. Da gäbe es einfach noch nicht so unglaublich viele Alte Herren, deren „Vitamin B“ man nutzen könnte. Zum Anderen glaubt Max, dass es „zu viel Aufwand“ wäre, nur der Beziehungen wegen einer Verbindung beizutreten. Und überhaupt: interessante Kontakte könne man ja auch anderswo knüpfen.


Die Symbole der Oeno Danubia: links die Fahne, in der Mitte das Wappen, darüber der Zirkel. Daneben ein Schläger, obwohl die Verbindung nicht schlagend ist. Auf der rechten Seite ein Kreuz, darunter Bilder des Papstes, des Bischofs und des Pfarrers.

Viel wichtiger ist für Max und seine Kommilitonen aus der Verbindung die Gemeinschaft, die sie haben. Durch ihre Mitgliedschaft bei der Oeno-Danubia sind sie „Bundesbrüder“, die Verbindung sei ein Bund fürs Leben. So helfen sich Aktive und Ehemalige etwa bei der Wohnungssuche, nehmen den jeweils anderen bei sich auf, wenn er sich etwa in einer anderen Stadt niederlassen sollte. So ist es auch bei einem zukünftigen Erstsemester, der sich ein paar Meter weiter mit ein paar Anderen unterhält. Er ist derzeit auf der Suche nach einer Bleibe in der Dreiflüssestadt. Während der Wohnungssuche hat Max ihn bei sich in seiner Wohnung aufgenommen. Man schenkt sich gegenseitig uneingeschränktes Vertrauen.

Besuch von den Nachbarn: Man mag sich


„Außerdem kann man hier viel fürs Leben lernen. Die Verbindung ist so eine Art komprimierte Lebensschule“, sagt Max. Neben ganz allgemeinen Anstandsregeln, deren Beherrschung die jungen Männer ja schon seit Beginn meines Besuchs unter Beweis gestellt haben, veranstalten die Oenos auch Tanzkurse. Vor dem CV-Ball zum Beispiel, der jedes Jahr in der Redoute stattfindet. Die Tanzpartnerinnen sind Freundinnen und Bekannte der Verbindungsleute. Zur Aktivitas gehören ansonsten keine Frauen. Warum das so ist, frage ich Max. „Naja, ihr wollt ja auch keine Kerle bei euren Mädelsabenden dabeihaben“, kontert er augenzwinkernd. Natürlich spiele die Tradition eine große Rolle. Zudem meint man, Frauen in der Verbindung würden vielleicht für Eifersüchteleien und Stress sorgen. Dennoch: Bei den meisten Veranstaltungen der Oeno-Danubia sind Damen herzlich willkommen.

Zwei junge Männer betreten das Kellergewölbe. Ihre Bänder haben andere Farben als die der Oeno-Danuben. Sie gehören zur Burschenschaft Hanseatia. Konkurrenten also? „Wir pflegen ein freundschaftliches Verhältnis, sind ja quasi Nachbarn.“ Die Hanseatia hat ihr Verbindungshaus in der Milchgasse, nur ein paar Meter weiter. Ihr Stammtischabend ist am gleichen Wochentag wie der der Oenos, zu späterer Stunde besuche man sich dann öfter mal gegenseitig. Insgesamt, so Max, pflege man ein respektvolles Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Studentenverbindungen in Passau. Differenzen würden „niveauvoll“ ausgetragen, seien eher als ein gegenseitiges Necken denn als Anfeindung zu verstehen.



Grillen bei grandiosem Ausblick


Mittlerweile ist es beinahe Mitternacht, Max zeigt mir noch die weiteren Räumlichkeiten. Über eine Wendeltreppe geht es ein paar Stockwerke hinauf. Ich muss über einige Bierzeltgarnituren klettern. Max klärt mich auf: „Einer unserer Alten Herren wird am Samstag hier heiraten, am Freitagabend feiern wir hier zusammen den Hochzeitsempfang, mit Blasmusik und allem Drum und Dran.“ Hinter einer schweren Holztür verbirgt sich die Kapelle, durch kleine Fenster kann man ins Innere der Jesuitenkirche schauen, wo nachts natürlich alles stockfinster ist. Wieder zurück im Erdgeschoss führt Max mich vors Haus – oder besser gesagt hinter die Kirche. Von hier aus hat man einen grandiosen Blick sowohl auf die Veste Oberhaus als auch auf das Kloster Mariahilf. Auf einer ebenen Fläche oberhalb der Innpromenade, erzählt mir Max, werde im Sommer fast jeden Abend gegrillt und gefeiert. Nachbarn, die sich über die Lautstärke beschweren könnten, gäbe es ja fast keine. Das seien eben die Vorteile, seinen Partyraum im Kellergewölbe einer Kirche zu haben.

Fotos: Bogensperger


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Oberhaus , Innpromenade , Universität Passau , Veste Oberhaus , Redoute , Mariahilf , Schustergasse

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