Deine kostenlose Zeitung für Passau!

Weitere Beiträge auf der Themenseite


Die meist geklickten Beiträge


Aktuelle Kommentare



14 bis 15 Uhr: Ein Besuch beim Frisör

Heiße Luft

"Magst du einen Kaffee?", fragt Erika Braumandl Angelika Müller. "Ja, aber erstmal waschen", sagt die und legt ihren Kopf nach hinten ins Becken, "ich bin schon wieder ganz zauselig."

veröffentlicht von Laura Lugbauer am 05.09.2011 18:53 Uhr im Ressort Land & Leute
Mehr zum Thema: Alle Beiträge zum Thema "24 Stunden Passau" findest Du auf unserer Themenseite.

Erika Braumandl (44) und Angelika Müller (54) kennen sich gut, sie sind befreundet. Für die nächsten 30 Minuten sind sie aber Kunde und Dienstleiter. Erika Braumandl ist Frisörin. Ihre Freundin ist heute zum Waschen und Föhnen da.



Seit April betreibt Erika Braumandl ihren „Frisör Extra“ in der Innstraße, gleich gegenüber der Uni, neben dem Kopierzentrum. Zuvor war sie 20 Jahre lang nur eine Tür weiter, hatte ein Team mit fünf Mitarbeitern um sich. Dann hatte sie keine Lust mehr, sagt sie. Vor allem die Sache mit dem Nachwuchs war nicht so einfach für sie. „Wissen'S, die Leute, die heute Frisör werden wollen, das sind andere als früher.“ Erika Braumandl ist eine Frisörin der alten Schule. Eine ohne Schnickschnack. Sie trägt ein schlichtes schwarzes Kleid, das im Rücken mit einer Schleife gebunden ist, dazu flache Schuhe. Das Make-up ist dezent, nur ein Hauch schwarzer Tusche auf den Wimpern. Die Haare sind gepflegt, fallen ihr in natürlichen Wellen in einem warmen Braunton auf die Schultern, so wie sie eben fallen.

Ein bisschen Urlaub für die Seele


Seit April ist Erika Braumandl Einzelkämpferin. Zwei Arbeitsplätze gibt es in ihrem Salon, vor jedem ein großer Spiegel und eine Ablage aus Holz. So schlicht wie ihr Erscheinungsbild ist auch das ihres Geschäfts. Viel Grün, viel Holz. Dazwischen Farbtupfer in kräftigem Rot und Orange, wie die Kaffeetassen oder die Gießkanne, die auf dem Schrank steht. Der hintere Teil der Wand ist holzgetäfelt, die Seiten weiß, zur Straße hinaus ein großes Schaufenster. Der Eingangsbereich ist durch einen Raumteiler mit Garderobe abgetrennt, in der eine fliederfarbene Stickjacke hängt. An der Fensterfront entlang eine Bank mit Tischchen, auf der die typischen Klatschmagazine liegen, aber auch Tageszeitungen. Daneben ein niedriges Sideboard, darauf die Kaffeemaschine und die Musikanlage, aus der gerade lateinamerikanische Klänge wogen. Frisör, das ist doch auch ein bisschen Urlaub für Seele, oder?

In einen richtigen Urlaub fährt Angelika Müller nächste Woche, an den Gardasee, erzählt sie, während ihr Erika Braumandl die Kopfhaut massiert. "Hätten wir da nicht vorher noch schneiden sollen?", fragt sie. "Achgeh", sagt die Kundin, "am Campingplatz geht's nicht so genau. Aber vielleicht komm' ich vorher doch noch mal vorbei. Mal schaun."

Erika Braumandl wickelt ihr ein orangefarbenes Handtuch um den nassen Kopf, rubbelt vorsichtig die Haare trocken. Eine Drehung des Stuhles und schon sieht sich Angelika Müller im Spiegel. Ihre Freundin zückt den Kamm und beginnt, durch die kurzen Locken zu bürsten. Nebenher erzählt sie, wie sie vor ein paar Tagen ihren Schlüsselbund verloren hat. Dann wechselt sie vom Kamm zur Rundbürste, in der anderen Hand hält sie den Föhn. Sie zieht die einzelnen Strähnen erst nach oben, dann nach innen und schließlich nach außen, wo sie liegenbleiben. Vom Nacken arbeitet sie sich mit der heißen Luft nach oben.



Während sich die Frisörmeisterin an den Schläfen ihrer Kundin voranarbeitet, kommt ein junger Mann durch die offene Eingangstür. Ein Student. „Du bist mein Termin, gell?“, ruft ihm Erika Braumandl entgegen, „Grüß Dich, setz' dich schon mal hin, ich bin gleich für Dich da.“ Der Besucher, ein großer, schlanker Mann mit raspelkurzen dunklen Haaren und Brille, legt seinen Rucksatz ab, zieht ein paar Unterlagen daraus hervor und setzt sich hin. Der Student beginnt, die Papiere zu studieren. Dann schreckt er auf.

Aldi, die Bib und Griechenland


Mit wenigen Schitten hat er den Raum durchquert und auch schon verlassen. Im Gehen zieht er sein Handy heraus, als er vor der Tür steht, hat er auch schon gewählt. Mit dem Telefon am Ohr geht er vor dem Geschäft auf und ab. Obwohl die Tür offen steht, hört man ihn nicht sprechen. Nur seine Lippen bewegen sich, während der Verkehrslärm der Innstraße sich unter die Musik im Inneren des Salons legt.

Bei den beiden Frauen geht es in der Zwischenzeit um Sonderangebote verschiedener Supermärkte. "Ich werde mich dann mal beim Aldi auf die Lauer legen", sagt Angelika Müller, als ihr Erika Braumandl den zweiten Spiegel hinter den Kopf hält, damit sie das fertige Föhnwerk auch von hinten betrachten kann. "Sehr schön hast du das wieder gemacht, danke dir", sagt sie dann. Das Handtuch von den Schultern gezogen, das Geld überreicht. Und bis die Kundin den Salon verlassen hat, sitzt der Student schon wieder an seinem Platz. Er hat sein Geld vergessen. Kein Problem für die Frisörmeiserin, "dann bringst du es eben später schnell vorbei."

Vertrauensvoll begibt sich der junge Mann in die Hände von Erika Braumandl. Die zeigt, als sie seinen Stuhl nach hinten kippt und seinen Kopf vorsichtig ins Waschbecken legt, dass sie eine geübte Smalltalkerin ist. Das Wasser zischt aus der Leitung und über ihre Hand. Während sie die richtige Temperatur erfühlt, fragt sie: "Wie war der Sommer?"

Er hat noch nicht viel davon gehabt, viel Zeit in der Bib verbracht, erzählt der Kunde. Ja, nur an den Seiten ein bisschen in Form bringen. Jetzt kommen seine Eltern zu Besuch, dann geht es für ein paar Tage nach Kroatien. Das Wetter beschäftigt die beiden noch ein paar Minuten, dann ist der Kopf gewaschen und Erika Braumandl legt dem jungen Mann einen Umhang um. Sie zückt Kamm und Schere und beginnt, selber von ihrem Urlaub zu erzählen. In Griechenland war sie, aber es hat sich auch mit der Eurokrise nicht viel verändert, erklärt sie auf Nachfrage ihres Kunden. "Nur, dass man jetzt überall einen Kassenzettel kriegt. Das war früher nicht so."

Der Kunde lässt sie an seinem Kopf gewähren, er sitzt regungslos da, den Blick auf den Spiegel geheftet, nicht mal als sich eine Fliege auf sein Ohr setzt, zuckt er. Geredet wird nicht mehr viel. Man hört nur den Bass der Musik gemächlich vor sich hin trommeln und das Schnippen der Schere. Ab und zu fährt draußen ein Auto vorbei. Minutenlang sagt niemand etwas. "Manche Kunden wollen nicht reden", erklärt Braumandl später, "das ist mir aber zwischendurch auch mal ganz recht." Und so schneidet sie in stiller Eintracht. Um kurz vor 16 Uhr, gleich ist unsere Stunde um, kommt schon die nächste Kundin. Sie setzt sich hin und blättert in der Zeitung, während die Frisörmeisterin dem Studenten noch die Kanten versäubert und das Gesicht abwischt. Als er aufsteht, leert er nochmal seinen Kragen aus. Angelika Braumandl lacht ihr ruhiges Lachen. "Ja, so is recht, alle Haare hier lassen", sagt sie zu ihm. Dann dreht sie sich zur neuen Kundschaft um. "Und du willst ein Pumukl werden?"

Fotos: Lugbauer


1.167.531
Bericht wurde veröffentlicht von
Für Kritik, Lob oder Verbesserungsvorschläge nutze unser Feedbackformular. Gerne auch 100% anonym.
Aktuelle Meldungen

Experten stellen Planungen im Wirtschaftsausschuss vor

Breitbandausbau: Es geht voran

In seiner Sitzung am 17. April beschäftigt sich der Ausschuss für Wirtschaft, Marketing und Arbeit bereits zum wiederholten Mal mit dem weiteren Breitbandausbau im Stadtgebiet Passau. zum Artikel

"Rad Total im Donautal" am kommenden Sonntag, 15. April

Grenzenloser Fahrradspaß

Freie Fahrt für Radler und Skater: Am kommenden Sonntag findet "Rad Total im Donautal" statt. Dann kann man sich auf gesperrten Straßen den Fahrtwind um die Nase wehen lassen. zum Artikel

Weitere Meldungen im Tagesticker

Deine Meinung