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16 bis 17 Uhr: Am Käsestand Seibold auf der Herbstdult

Nachbarschaft mit Aussicht

33 Jahre. So lange stehen Elfriede und Erich Seibold schon auf der Dult. Verkaufen Kas, pflegen Bekanntschaften und genießen die Aussicht. Eine Stunde wird hier nicht langweilig. Wir wählen die von 16 bis 17 Uhr.

veröffentlicht von Susanne Wax am 14.09.2011 13:43 Uhr im Ressort Land & Leute
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Wenn Dult ist, sagt Erich Seibold, dann ist das wie ein kleines Dorf. Ein Dorf mit gut funktionierender Nachbarschaft. Mit Zusammenhalt. Dass der eine Nachbar rechterhand den ganzen Tag Schlagermusik aufspielt, wird milde lächelnd hingenommen. Dass der gegenüber mit Servietten aushilft, wenn die eigenen ausgehen, ist selbstverständlich. Und dass man sich bei allem Stress mehrmals am Tag zu einem Ratsch trifft, das ist unverzichtbar. Herbstdultalltag.

Der Reihe nach: Der Nachbar mit den Schlagern, das ist das Kinderkarussell, das direkt neben den Seibolds steht. "Daran gewöhnt man sich. Und wenn's stressig ist, hört man's nimmer", sagt Elfriede Seibold. Sie ist 58 Jahre alt und steht mit ihrem Mann auf den Passauer Volksfesten, seit sie ihn kennt: Seit 1978. "Ja, das ist a lange Zeit", sagt Erich Seibold, 61 Jahre alt, und nimmt einem Schluck Radler.

Die, die mit Ersatz-Servietten aufwarten, das sind eigentlich alle Essensstandler um die Seibolds herum. "Man hilft sich gegenseitig aus. Auch mal mit Kas, wenn er wirklich ausgeht", sagt Erich Seibold. Neid, den gebe es nicht untereinander.

Dieselben Standler sind es, die mehrmals am Tag zum Ratschen kommen - jetzt gerade sind Susanne und Walter Bammesreiter von der Fischbraterei Köck gleich gegenüber da. Bei Seibolds ist es gemütlich: Denn der Kas-Stand hat als eine der einzigen Buden am Dultfreigelände Sitzgelegenheiten. Vier Biertische mit Bänken stehen im Vorzelt, das an den Verkaufswagen angrenzt. Elfriede Seibold holt Getränke aus dem Kühlschrank. Walter Bammesreiter wischt sich die Hände an der Schürze ab. "So ein kühles Bier, das tut jetzt gut."



Ein Ratsch unter Nachbarn muss sein: Erich und Elfriede Seibold (von links) mit Susanne und Walter Bammesreiter von der Fischbraterei Köck.


Es ist ungewöhnlich warm für einen Tag, der mit Nebel begonnen hat. Die Sonne brennt auf den Dultplatz. Leute gehen in Scharen vorbei, überwiegend Familien mit Kindern, ältere Paare in Landhausstil gekleidet. Die Teenies in Trachten, die feierwütigen Cliquen, sie kommen erst später, weiß Erich Seibold: "Da ist es jetzt noch zu früh. Aber zum Schauen gibt es immer was." Das Leute-Schauen, das gefällt den Seibolds. Was haben sie in den 33 Jahren schon alles gesehen. "Wie unterschiedlich die Leut daherkommen, das ist faszinierend", sagt Elfriede Seibold, die in der Tür zum Verkaufswagen steht und den Blick stets auf die Vorbeigehenden gerichtet hält. "Die einen ziehen sich auf die Dult an, als würden sie auf einen Ball gehen. Die andren wiederum ziehen die Jogginghose an." Und erst die Frisurentrends! "Man sieht schon interessante Sachen", sagt Erich Seibold. Die Bammesreiters nicken.

Ein Mann in roter Hose und weißem Hemd kommt jetzt an die Verkaufstheke. "200 Gramm Kas und a Brezn, bitte", sagt er zu Elfriede Seibold, die ihn mit einem Lächeln und "Was derf's denn sei?" begrüßt hat. Sie wickelt die Frischhaltefolie vom Käselaib, greift zum Messer und schneidet dünne Scheiben ab. Der Kunde schaut ihr genau auf die Finger. "Die Leute wollen den Kas schön dünn", erklärt derweil Erich Seibold. "Ich kann die an einer Hand abzählen, die in all den Jahren den Käse dick oder gleich am Stück geschnitten haben wollten."

Wenn einer den Anfang macht . . .


Und während der Kunde wartet, passiert etwas, das sich in dieser Stunde mehrmals wiederholen wird: Ein weiterer Mann stellt sich hinten an, dann ein junges Paar. Minutenlang war kein Kunde da, jetzt hat einer den Anfang gemacht - und schon folgen die nächsten. "Wo schon jemand ansteht, da gehen die Leute lieber hin", sagt Erich Seibold. Nachdem der Letzte in der Reihe dran ist, ein älterer Herr, der nur Kas kauft, keine Brezn, verstreichen wieder Minuten ohne Andrang. Nur ein junges Mädchen geht einmal auf den Stand zu, wirft aber nur ein Kaugummipapier in den Mülleimer am Tresen. Erich und Elfriede Seibold schauen derweil einem Mann nach, der unablässlich an seinem Lederhosenlatz herumzupft. Er hat seine kleine Tochter dabei, sie ist vielleicht drei, vier Jahre alt - und trägt Sandalen mit Absätzen. Die Seibolds schütteln schmunzelnd die Köpfe.





Der Platz hier an der Bierbank im Freien, sagt Erich Seibold, der sei ihm 1.000 Mal lieber als ein Platz im Zelt oder Dultstadl. "Hier hat man doch seine Ruhe. Und verpasst trotzdem nichts." Die Lust an der Dult haben er und seine Frau in den 33 Jahren nie verloren. "Wir freuen uns jedesmal wieder, wenn es losgeht", sagt Elfriede Seibold. Hier oben in Kohlbruck, erzählt ihr Mann weiter, laufe auch das Geschäft besser als damals, als die Dult noch mitten in der Stadt war. "Klar war es dort kleiner, zentraler, familiärer. Aber mit Kinderwagen oder Rollstuhl kam man kaum durch. Hier ist Platz."

Weißwürste für die Dult-Urgesteine


Doch manches vermisse er schon, sagt Erich Seibold. "Viele der Standler von früher haben aufgehört, als die Dult umgezogen ist. Viele Originale sind auch schon gestorben." Die Dult-Urgesteine haben sich früher bei ihm versammelt, einmal pro Dult organisierte er ein Weißwurstessen für alle. Früher. Dann fängt Erich Seibold an zu erzählen, wie er das Kas-Schneiden überhaupt gelernt hat. Sein Freund und er - die beiden hatten aus einer Bierlaune heraus beschlossen, einen Kas-Stand auf dem Passauer Volksfest zu betreiben - hatten noch niemals in ihrem Leben an einem großen Laib Käse herumgeschnitten. Bis der erste Kunde an den Tisch kam.

Erich Seibold wird kurz beim Erzählen unterbrochen, weil Besuch an den Stand kommt: Junge Eltern mit ihren Kindern, das größere Mädchen trägt ein rosa T-Shirt mit der Aufschrift "Papas Mädel". Man ratscht kurz über die Tochter der Seibolds, über die Enkelkinder. Dann wünscht man sich einen schönen Tag und die Familie zieht von dannen.

Jedenfalls konnte keiner das Kas-Schneiden, fährt er fort, und bei den ersten Kunden "frettete man sich so durch", erklärt der 61-Jährige. Dann nahm sich Helmut Legelli seiner an: Legelli, eine Institution in Sachen Dultkäse in Passau. "Der blieb so lange mei mir im Stand, bis ich das Schneiden konnte. Derweil war ich ja eigentlich ein neuer Konkurrent."

"I kauf glei bei dir ein, gell!"


Es ist 17 Uhr, die Stunde im Flug vergangen. Und zum Abschluss wiederholt sich das Kundenspiel: Eine Frau kommt an die Theke, ordert 200 Gramm Kas und zwei Brezen. Sobald sie dasteht, kommen andere Passanten und stellen sich an. Erich Seibold hilft seiner Frau beim Bedienen. Während er frisch aufgebackene Brezen aus dem eigenen Ofen holt, erblickt er einen Bekannten, der vorbeigeht. "Grias di", ruft er und hebt den Arm zum Gruß. "Servus", ruft der Mann zurück und lacht. "I drah a Rundn und dann kauf i bei dir ein, gell!"

"Ja ja", macht Erich Seibold und arbeitet grinsend weiter. Stammkundschaft schön und gut, hatte er vorhin erzählt. Doch dürfe jeder seinen Kas kaufen, wo er will. "Da schauen sie mich oft erschrocken an, die Bekannten, wenn ich sie mit Kas von einem anderen Stand vorbeilaufen erwische", hatte er gesagt und laut aufgelacht. "Als wär's ein Verbrechen, wenn er sich seinen Kas mal nicht bei mir kauft."


Fotos: Wax


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