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18 bis 19 Uhr: Auf dem Innstadt-Friedhof

Die Ruhe der Geräusche

Im Straßenverkehr und auf der Dult waren wir für die letzten 24-Stunden-Folgen unterwegs. Jetzt suchen wir wieder mal ein wenig Ruhe. Wir finden sie auf dem Innstadt-Friedhof. Trotz vieler Geräusche.

veröffentlicht von Susanne Wax am 22.09.2011 11:28 Uhr im Ressort Land & Leute
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Die Stille hat sich mit den Klängen des Alltags arrangiert. Das Kratzen der Fahrradreifen auf dem Asphalt hinter der Mauer. Das kurze Rauschen eines vorbeifahrenden Autos. Das lange Rauschen eines Güterzuges auf der Brücke. Es erklingt vieles. Doch Lärm ist es nie.

Um 18 Uhr liegt ein dichter Klangteppich über dem Innstadt-Friedhof, über dem unteren Bereich an der Severinskirche, gleich am Ende des Fünferlstegs. Kirchenglocken. Wie ein vielfaches Echo, aus allen Richtungen. Ein tiefes träges "Dong", ein helles kurzes "Bing". Nur die Severinskirche selbst bleibt stumm. Es gibt keinen Glockenturm.





Dann verstummen die Glocken. Ruhe. Der Flügelschlag der Amsel in der Luft. Sie setzt sich auf einen Grabstein. Im Steingrand, an dem Gießkannen in Grün und Gelb stehen und darauf warten, zum Gräbergießen befüllt zu werden, gluckert sanft das Wasser. Der Hahn ist zugedreht.

Bis 19 Uhr ist der Friedhof an diesem Septembertag geöffnet. Das Holzschild am Eingang weist darauf hin: September von 7 bis 19 Uhr, ab Oktober bis 18 Uhr. November und Dezember dann nur noch bis 17 Uhr. Wenn die Sonne immer früher untergeht, werden die Grabbesuche kürzer.

Es knirscht jetzt auf dem Kies. Schritte. Ein Mann betritt den Friedhof, er geht zu einem Grab in einer der mittleren Reihen. Er trägt eine dicke Jacke. In der Hand hält er ein rotes Grablicht. Man hört ein Rascheln, als er aus dem Blumenschmuck des Grabes ein paar verdorrte Blüten herauszupft. Dann quietscht es leise, als er die Laterne öffnet und das ausgebrannte Grablicht herausnimmt. "Schnipp", das Rädchen an einem Feuerzeug dreht sich. Er zündet die neue Kerze an, stellt sie in die Laterne, steht auf, verharrt kurz vor dem Grab. Dann knirscht der Kies wieder, als er mit den verdorrten Blüten in der einen und der alten Kerze in der anderen Hand zu den Abfalleimern in der Ecke des Friedhofs geht.

Während er in Richtung Ausgang marschiert, beginnt ein Vogel zu pfeifen. Dazu mischen sich Stimmen, sie dringen vom Fünferlsteg her. Sie werden lauter. Und noch lauter, und setzen dann das Kiesknirschen fort: Zwei junge Männer mit Sneakers, Retro-Sportjacken und unter die Arme geklemmten Aktentaschen gehen über den Platz, ohne nach links und rechts zu schauen, zwischen Kirche und Gräbern hindurch, ins Gespräch vertieft. Zwei Studenten auf dem Heimweg in Richtung Lindental. Der Friedhof ist Abkürzung. Nicht ganz so zügig geht kurz darauf eine junge Frau den Weg entlang. Sie trägt Schuhe mit hohen Hacken. Das Gehen auf dem Kies fällt ihr schwer.





Je weiter der Uhrzeiger gen 18.30 Uhr wandert, desto deutlicher wird klar: Der Friedhof gehört für viele zum Heimweg. Eine Strichliste an Passanten innerhalb zehn Minuten ergibt: 15, in beide Richtungen. Zu den Schritten haben sich mittlerweile andere Geräsche gesellt: Worte. "Grüß Gott", sagt, wer aneinander vorbei geht. Ist Grüßen auf den Straßen einer Stadt nicht üblich, auf den paar Metern im Friedhof gehört es sich. Wie unter Wanderern.

Der Friedhof ist Heimweg und Sportroute


Der Friedhof ist Heimweg, und er ist Sportroute. Der Feierabend macht sich bemerkbar, die Leute gehen ihren Hobbys nach. Erst stochern die Stöcke von zwei Nordic-Walkern in die Steinchen des Weges entlang der Gräber. Dann kommen drei Jogger. Ihr gleichmäßiger, lauter Atem ist zu hören. Schließlich quietscht die Bremse eines Fahrrads, kurz darauf rollt es langsam, sehr langsam auf den Friedhof. Der Fahrer trägt enges Trikot und Radlerhose, einen Helm. Er schnieft laut, wischt sich mit dem Handrücken über die Nase, bleibt stehen, kramt ein Taschentuch hervor.

Sein Schneuzen wird übertont vom Brummen eines Automotors außerhalb der Friedhofsmauer, das gleich darauf verstummt. Eine Handbremse wird angezogen, eine Tür geöffnet und zugeschlagen, Stöckelschuhe auf dem Asphalt. Und dann auf dem Kies. Eine ältere Dame betritt den Friedhof, ein Blumengesteck in der Hand. Der Radler, er hat die Fahrt wieder aufgenommen, fährt einen Bogen um sie herum, grüßt. Sie grüßt zurück, schaut ihm kurz verwundert nach. Dann verschwindet sie auf der anderen Seite der Kirche.

Für eine lange Zeit liegt der Friedhof nun in absoluter Stille. Kein Auto, keine Passanten. Nur vereinzelt Vogelgezwitscher. Einmal kurz die helle Stimme eines Babys von der Straße her: "Dada! Dada!" Eine Frau lacht. Dann wieder nichts. Würde hier eine Uhr hängen, man könnte sie ticken hören.

Wind kommt auf, bewegt die Äste der Friedhofsbäume. Schwerfällig schwingen sie hin und her. Dann gibt es wieder ein Echo-Spiel: verschiedene Kirchenglocken machen drei Mal "Dong" beziehungsweise "Bing". Es ist 18.45 Uhr. Und kalt, sehr kalt. Kurz darauf ist es Zeit, zu gehen, bevor abgesperrt wird. Und da, kurz vor dem Ausgang des Friedhofs, erklingt es doch noch, das Geräusch, auf das man insgeheim die ganze Stunde gewartet hat. Ein Mann, groß, mit grauen Haaren, steht an einem Grab. Er hat die Hände gefaltet, die Augen geschlossen. Man hört ihn leise murmeln, man versteht seine Worte nicht. Doch die Sätze enden stets mit dem selben leichten Anheben der Stimme. Er betet.






Fotos: Susanne Wax


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Veröffentlicht in folgenden Zeitungen:
Passauer Gschichten, Passauer Innstadt
Schlagwörter & Themen:
Fünferlsteg , Studenten, Innstadt, Inn, Stadt

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