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20 bis 21 Uhr: Am Aussichtspunkt auf dem Georgsberg

Wenn die Stadt in Ruhe posieren darf

24 Mal eine Stunde an einem beliebigen Ort in Passau: Diesmal waren wir am Touristen-Hotspot, dem Oberhaus-Aussichtspunkt. Allerdings nicht zur fremdenführerfreundlichsten Zeit: von 20 bis 21 Uhr.

veröffentlicht von Susanne Wax am 06.10.2011 10:11 Uhr im Ressort Land & Leute
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Es ist einer dieser Abende, an dem der Himmel in ein Lila und Violett getaucht ist, bevor er blau und dann schwarz wird. Die blaue Stunde, sie ist noch nicht ganz vorbei an diesem Herbsttag. Der angestrahlte Dom vor der Kulisse des glänzenden Inn-Wassers, das an der Stelle vor der Eisenbahnbrücke glatt ist wie ein Spiegel. Wo sind sie jetzt, die mit Kameras ausgerüsteten Touristen, die den besten Blick auf die Dreiflüssestadt fotografieren wollen? Jetzt, gerade jetzt ist es doch am schönsten. Doch mit der aufkommenden Dunkelheit sind sie von hier oben verschwunden.




Nur eine Kamera ist hier gerade vertreten, und sie ist professionell auf ein Stativ aufgebaut. Eine junge Frau dreht am Rädchen, nimmt mit ruhiger Hand Einstellungen vor. Ihr rechtes Ohrläppchen ist von einem Ring ausgeweitet. Auf die kurzen Haare hat sie ein Cap gesetzt. Sie schaut durch den Sucher, drückt dann den Auslöser. "Ratt....", dann vergehen Sekunden der Stille. "...tatattt" macht es schließlich. Eine lange Belichtungszeit für die vielen Lichter der Stadt in der fast vollkommenen Dunkelheit. Sie schaut aufs Display, prüft das Ergebnis, zieht die Nase hoch. Dreht wieder am Rädchen, wieder macht es "Ratt..." und dann "...tatatt". In diesem Moment darf die Stadt da unten in Ruhe Modell sein. Ist nicht den sekundenschnellen Schnappschüssen ausgeliefert, die die Touristen tagüber in Massen machen. Sie darf posieren. Und das tut sie. Der Mond als Sichel über den Domkuppeln, der Abendstern. Die Lichterkette der Autos auf der Marienbrücke.

Die Fotografin ist zufrieden, sie packt die Kamera ein, baut das Stativ ab. "Ciao", sagt sie, als sie geht. Man hört ihre Schritte auf dem Schotter, der den Weg entlang des Oberhauscafes bildet. Das thront stumm und dunkel über den Lichtern unter sich. Da jetzt sitzen, einen Kaffee trinken. Doch sieht man sogar in der Dunkelheit die unebenen Stellen der Terrasse, die aufgeplatzten Fliesen. Etwas trinken, das will das Paar, das sich jetzt auf die Bank am Aussichtspunkt setzt, trotzdem. Und hat selbst etwas mitgebracht. "Machst du auf? Ach, mach du auf", sagt die Frau, sie hat sich ein dickes Tuch um die Schultern gewickelt, hält die Arme vor der Brust verschränkt. Der Mann pellt das Papier von einer Flasche Sekt ab, es knistert, er umfasst den Korken. "Oh mei, ich kann da immer ned hinschaun", sagt die Frau und beugt sich beiseite. Ein dumpfes "Plopp". Die Frau zieht zwei Plastikbecher aus ihrer Handtasche, er gießt Sekt ein. Ein Glucksen in der Dunkelheit. "Auf uns", sagt er und schaut sie an. Man kann ihn lächeln sehen. "Auf dich", sagt sie.




Die Szene schreit nach Zweisamkeit ohne Beobachter. Darum ein Abstecher zu einem anderen Aussichtspunkt da oben auf dem Georgsberg: zum Schwammerl. Den Weg am Thingplatz entlang, dann die Stufen hinab, mit dem Licht des Handys angeleuchtet. Der Umriss der Sitzgelegenheit mit einem Dach wie ein Pilzhut tut sich auf. Dahinter das erleuchtete Passau. Und wiederum davor: die Silhouetten zweier Menschen. Im Näherkommen werden daraus ein Mädchen um die 20, das auf dem Geländer sitzt. Und ein gleichaltriger Mann, der einen Meter daneben steht, die Hände auf die Brüstung gestützt. Ihr Lachen verstummt, als sich Schritte nähern. "Grüß Gott", sagen dann beide und das Mädchen kichert.

"Fasziniert Sie das da unten?"


Ein paar Fotos machen. Ohne Stativ. Verwackelt. Das nächste, die Kamera auf einen Granitpflock gestellt: schon besser. "Fasziniert Sie das da unten?", dringt plötzlich die Stimme des jungen Mannes herüber.
"Wie meinst du das?"
-"Na, weil Sie das fotografieren. Sind Sie Touristin?"
"Nein, ich wohne schon lange hier."
- "Und dann finden Sie das nicht langweilig?" Eine leichte Schnapsfahne weht herüber.
"Was?
- "Na alles da unten. Die Stadt ist so langweilig."
"Finde ich nicht."
- "Doch, es ist nichts los. Und der Ausblick gefällt uns auch nicht mehr. Gell?" Ein Blick zum Mädchen. Sie nickt und wippt dabei auf dem Geländer.
"Na, warum seid ihr dann hier?"
Schulterzucken. - "Weils sonst auch langweilig ist."

Die Fotos reichen. "Na dann langweilt euch noch schön! Servus!" - "Pfüat Gott." Kichern.


Am Aussichtspunkt am Oberhauscafe ist die Bank nun leer. Der ganze Platz ist leer. Hinsetzen. Das Rauschen der Stadt hören. Der Himmel hat jetzt auch die letzte Spur von Blau verloren. Vom Mariahilfberg her blendet ein Auto. Man kann es an den Lichtern beobachten, wie es hinunter in die Innstadt fährt. Von der Fritz-Schäffer-Promenade her dringen Stimmenfetzen. Die Altstadthäuser bilden ein unregelmäßiges Muster mit den beleuchteten und unbeleuchteten Fenstern. Dann drei dumpfe Glockentöne. Der Dom schlägt dreiviertel Neun.

"Ihr seht Stadt wie ein Schiff"


Schritte und Stimmen vom Parkplatz her. Drei Frauen und zwei Männer. Sie erreichen lachend das Geländer, stützen sich drauf, beugen sich vor, die Köpfe recken sich nach rechts und nach links. "Ooooh", sagt eine der Frauen bewundernd. Eine andere beginnt mit gebrochenem Deutsch und spanischem Einschlag zu erklären: die Ortsspitze, der Dom, das Kloster Mariahilf, die Löwenbrauerei. Die anderen lauschen, schauen und nicken. "Und seht ihr da oben die Licht. Das ist Cafe Blaas. Da wir fahren morgen hin und ihr seht Stadt wie ein Schiff. Und wir essen Palatschinken." Mhm, mhm, macht die Gruppe, und einer der Männer zückt die kleine Digitalkamera. Er richtet sie auf die Stadt, es blitzt. Er drückt einen Knopf, drückt nochmal ab, es blitzt nicht, er schaut aufs Display, sagt: "Oh neeeiiin." Er zeigt sie den anderen. Man erkennt sogar von Weitem die verwackelten Lichter auf dem Display, die lange Schlieren ziehen.

Dann geht die Gruppe wieder, eifrig durcheinander plappernd. Es ist 21 Uhr. Der Mann, der gerade die Fotoversuche gemacht hat, sagt: "Kommen wir da morgen wenn es hell ist nochmal her?"



Fotos: Wax


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Schlagwörter & Themen:
Löwenbrauerei Passau , Oberhaus , Eisenbahn

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