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22 bis 23 Uhr: Eine Stunde im Passauer Stadtbus, Linie 1Die Hinfahrt ist Hochdeutsch, die Rückfahrt ist BairischFür unsere 24-Stunden-Serie durften wir eine Stunde gratis Stadtbus fahren. Mit Fahrer Gino Fakih erlebten wir 60 ruhige Minuten - dennoch mit illustren und nimmermüden Gästen. | |  |
Mehr zum Thema: Alle Beiträge zum Thema "24 Stunden Passau" findest Du auf unserer Themenseite. "Abends kannst du Sport eh vergessen, wenn du studierst."
"Wie, du hast bei Kuwi drei Sprachen?"
"Wir sind 735, und dann kommen noch 200 Stabis dazu. Da wird's kuschlig in der Vorlesung."
"Es heißt, bis Weihnachten sind eh die ersten hundert Studenten wieder weg."
"Versteh' ich nicht. Das Erste ist doch eigentlich das Gaudisemester, wo man nur Party macht."
Hochdeutsch. Nur Hochdeutsch. Und nur Studienthemen. Die drei Mädchen, die sich in den vorderen Bereich des Busses gesetzt haben, sind auch um 22 Uhr des Diskutierens nicht müde. Das Licht der Neonröhren am ZOB fällt auf ihre Gesichter. Die gelben Stangen im Bus, zum Festhalten und Stop-Drücken, mischen sich zu ihren Spiegelbildern in den Fensterscheiben. Die Linie 1 Richtung Kohlbruck/PEB: Um Punkt 22.01 Uhr startet Busfahrer Gino Fakih den Motor. Ein Rattern geht in gleichmäßiges Motorengeräusch über. Es übertönt die Gespräche der Studenten. Die Worte versteht man nicht mehr, nur die Stimmen hört man noch.
 Stadtbusfahrer Gino Fakih: Er mag seinen Job. "Auch wenn es stressige Zeiten gibt", sagt er.
"An einem Tag wie heute ist nicht viel los", hatte Gino vorm Losfahren erzählt. "Ab morgen wird es schon mehr. Man merkt jeden Tag, dass das Wochenende näher rückt." Bis 24 Uhr fährt er heute noch: Vom ZOB über Dr.-Hans-Kapfinger-Straße, Neuburger Straße und Dr.-Emil-Brichta-Straße bis zum PEB. Er lenkt den Bus ruhig und zügig den Anstieg hinauf.
Studiengespräche zu später Stunde
Ein Mädchen ist am ZOB im letzten Moment in den Bus gesprungen. Mit dem Handy am Ohr. Von den hinteren Reihen sieht man, wo sie sitzt: Der weiße Bommel ihrer Pudelmütze lugt über die Sitze. "Nächste Haltestelle: St. Anton", tönt die Frauenstimme aus den Lautsprechern. Lautlos blinkt der rote Schriftzug vorne bei Fahrer Gino auf: "Wagen hält". Vor der Kirche kommt der Bus zum Stehen. Das Mädchen mit der Pudelmütze steigt aus. Sie telefoniert immer noch.
Kurz sind die Studentenstimmen wieder zu hören:
"Ich hab noch gar keine Mensa-Karte."
"Ich hab in meinem Zimmer noch kein Internet."
"Wirtschaft kann ich nicht beurteilen."
"Ich hab das Fach nicht und das ist auch gut so."
"Nächste Haltestelle: Kainzenweg". Eine junge Frau in lilafarbenem Rock und schwarzer Strumpfhose drückt den Knopf. Der Bus wird langsamer. "Was ist das für ne Haltestelle?", hört man es von den Studentinnen. "Kainzenweg", sagt eine Begleiterin. "Ach nee, fahrn wir noch eine weiter." "Muss dann keine von euch aussteigen?", fragt Busfahrer Gino nach hinten. "Doch, ich!", ruft das Mädchen im lila Rock, das schon an der Tür steht. Gino hält. Ein Zischen, dann öffnet sich die Tür.
Bis zur Wendeplatte am PEB sind alle Fahrgäste ausgestiegen. "Wir machen drei Minuten Pause", sagt Gino, lässt die Kasse rattern, schaltet die Stempelmaschine um. Steigt aus und zündet sich eine Zigarette an. Er mag das Busfahren, erzählt er: "Auch wenn es stressige Zeiten gibt. Zur Dult, da geht es rund." Zum Glück seien Security dabei, die Polizei kontrolliere regelmäßig. "Aber angepöbelt wird man trotzdem mal als Fahrer. Da muss man versuchen, gelassen zu bleiben. Auf keinen Fall weiter provozieren."
Bairisch bei der Rückfahrt
Die Pause ist um. Die Linie 1 setzt sich wieder in Bewegung. Gleich an der ersten Haltestelle steigen zwei junge Frauen ein.
"Dann sog i...., und dann sogt sie...."
"Geh, des is ja krass."
"Na wenn i's dir sog."
Die Rückfahrt auf Bairisch.
Wenige Fahrgäste kommen auf dem Weg zurück zum ZOB dazu. Es ist 22.21 Uhr, der Stadtbus hält am Schönleitnerweg. Zwei junge Männer steigen ein. Sie tragen schwarze Jacken, Baggy-Jeans und ernste Blicke. Einer setzt sich, der andere bleibt an der hinteren Tür stehen. Sie reden nicht, werfen sich Blicke zu. Am Halt Giselastraße schaut der Stehende den Sitzenden fragend an. Der nickt. Der andere drückt, Halt, Zischen, Tür auf. Sie steigen aus.
Zurück am ZOB bremst Busfahrer Gino heftig: Eine Frau mit blonden Haaren rennt ohne zu schauen über die Straße. Dann hält er am Ausgangspunkt. Eine Minute vor halb Elf. Um 22.31 Uhr geht's wieder los. Und die hochdeutsche Gesprächsrunde wiederholt sich, nur mit anderen Darstellern:
"Gibt's eigentlich 'ne Ermäßigung für Studenten?"
"Ich hab mir noch gar keine Karte gekauft. Ich hab ja auch mein Rad."
"Findest du dich da zurecht? Ich bin kein Orientierungsgenie."
"Wo wohnt ihr eigentlich? Auch im Schönleitnerweg?"
Hausnummern werden ausgetauscht.
"Warum sind denn die Mieten in Hausnummer X teurer als in Hausnummer Y?
"Weil die Dusche so'n Ding breiter ist."
Der Motor startet zu Runde zwei. Wieder passiert der Bus die Häuser, die Lokale, die Geschäfte. Kaum Autos auf der Straße, kaum Passanten auf den Gehwegen. Vor einem Restaurant im Batavia-Haus stehen ein paar Männer und rauchen. Im Cafe an der Haltestelle Kainzenweg sind ein paar Gäste zu erkennen, die an den Tischen sitzen. Im Schnellrestaurant sieht man die roten Luftballons neben der Theke. Bei Aldi sind die Waren auch bei Nacht angeleuchtet. Ebenso der Matratzen-Handel, die Autohäuser, die Grabsteine im Natursteinhandel: Die Läden werben auch bei Nacht.
Am Schönleitnerweg steigen die Studentinnen aus. Sie marschieren los zu ihren Hausnummern.
"Diesmal machen wir sechs Minuten Pause", kündigt Gino, zum zweiten Mal an der Wendeplatte angelangt, an. Grund ist der wenige Autoverkehr um diese Zeit: "Ich fahre ein paar Minuten später los, damit ich nicht zu früh an den Haltestellen bin." Sein Blick schweift, wie er so draußen vor dem Bus steht, entlang des Parkhauses hin zur Dreiländerhalle. Auto um Auto im Parkhaus, keine freie Lücke ist zu sehen. Von der Halle her marschieren Menschen. Das Konzert ist aus: Status Quo und The Hooters sind in Passau aufgetreten. "Ach ja stimmt, das war ja heute", sagt Gino. "Da fahren jetzt bestimmt ein paar Leute mit."
Konzertgäste und ein echter Fan
Und sie fahren mit. An der zweiten Haltestelle auf dem Weg zurück zum ZOB, am Vordereingang der Halle, steht eine Menschentraube. Der Bus hält. Und zum ersten Mal in dieser Stunde haben nicht alle Gäste eine Fahrkarte, die sie vorzeigen oder abstempeln. Gino muss kassieren. Man hört Münzen klimpern. Der Bus füllt sich mit Leben: ein Mann und eine Frau mit zwei Teenagern. Zwei ältere Paare. Eine einzelne Frau, ein einzelner Mann. Er trägt einen schwarzen Hut, an die Krempe hat er eine frische Blume gesteckt. Der Vollbart, die Lederjacke, die Lederhose, das T-Shirt mit einem Jugendfoto von Status-Quo-Sänger Francis Rossi drauf: Ein Fan. Ein Echter.
"Ich setz' mich zu Ihnen", sagt er zu der einzelnen Frau. Bierfahne. Österreichischer Dialekt. "Na freilich."
Der Mann: -Wie in jungen Jahren, gell."
Die Frau: "Ja. Mir hat aber auch die allererste Band gut gefallen. Sowas Irisches war das."
- "Wo kann man denn jetzt noch hingehen? Ich muss bis 6 Uhr durchmachen."
"Warum denn das?"
-"Ich bin aus Braunau. Da geht der erste Zug."
"Da finden'S schon was. Früher wär man halt ins Calvados gegangen."
-"Ich geh ins Irish Pub. Das kenn' ich. Da kriegen Sie jedes Bier."
Etwas fällt aus der Jackentasche des Mannes mit Hut. Ein hinter ihm Sitzender bückt sich danach, hebt es auf, gibt es ihm: "Da schaun'S, ned dass a wichtige Telefonnummer drauf steht." Lachen.
Die Frau: "Ach, da bleibt man jung mit der Musik, gell."
Der Mann: -"Ja, da bleibt man jung. Heut hat der Chuck Berry Geburtstag, gell."
"Aha. Und, wo gehen'S jetzt noch hin?"
-"Ich geh' ins Irish Pub. Wissen'S, da kriegt man jedes Bier."
Der Stadtbus rollt zum ZOB. Die Uhr zeigt in roten Ziffern 22.58 Uhr an. Die Linie 1 schaltet jetzt um, fährt weiter in Richtung Firmiangut. Die letzte Runde bis Feierabend um Mitternacht. Die einzelne Frau und der einzelne Mann bleiben sitzen. Sie wohnt in Grubweg. Er steigt unterwegs an der Donau aus. Von da ist es nicht so weit zu Fuß zum Irish Pub.
Die Frau: "Es gibt ja da auch noch mehrere Lokale, da in der Straße vom Irish. Aber da braucht man als Normaler in normalen Klamotten gar ned rein gehen."
- "Ich geh überall rein."
 Fotos: Wax
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