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23 bis 24 Uhr: Auf ein Bier an der Zentraltankstelle

Fliegende Wurstsemmeln und barbusige Studentinnen

Wenn es einen Ort gibt in der Stadt, der niemals schläft, dann ist es der hier. Die Zentraltankstelle in der Nikolastraße hat 24 Stunden geöffnet. Sie ist oft erste, oft letzte Anlaufstation für Nachtschwärmer. Und unsere letzte Geschichte der Serie.

veröffentlicht von Laura Lugbauer am 25.10.2011 10:56 Uhr im Ressort Land & Leute
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Um diese Zeit, es ist Freitag, 23 Uhr, ist es noch ruhig im Verkaufsraum. Hinter der Kasse steht Christian (46). Seit zwölf Jahren schmeißt er die Nachtschicht. Ein Schrank von einem Mann, groß, breit, die Arme sind tätowiert. Einer, mit dem man sich nicht unnötig anlegen möchte, auch wenn der Blick schon vom Alkohol getrübt wird. Aber auch einer, der für jeden ein Lächeln übrig hat - wenn er sich anständig aufführt.




Eine Gruppe junger Leute kommt herein. Vier Burschen mit Kappen, Bomberjacken und tief sitzenden Jeans, ein Mädchen, das ein bisschen zu viel Lidschatten trägt. "Okay, ich zahl dir eine Literdose Bier. Aber du musst sie ganz austrinken", ruft einer dem anderen zu. Es wird durcheinandergeredet und gelacht, das Mädchen steht unbeteiligt daneben. Am Ende werden es doch nicht die Maß in der Dose, sondern zwei kleine Mischgetränke, die noch am Stehtisch in der Tankstelle getrunken werden. "Wann geht denn endlich der scheiß Bus?", fragt einer der Männer. Nach vorne gebeugt lehnt er am Tisch, spielt mit seinem Goldkettchen und macht dazu ein Gesicht wie ein kleiner Junge: "Ich will endlich heim." "Mann, der Einser geht um halb", blafft ihn sein Kumpel etwas lallend an. Das Mädchen mischt sich ein, sie will gehen. "Mann, wir sind doch grad erst gekommen", nörgelt einer der Kappenträger, ergibt sich dann aber doch und trottet hinter seiner Clique hinaus.

"Manche hauen die Wurstsemmel um die Ohren, andere die Faust"


"Um die Zeit ist es noch lustig", sagt Christian. Wenn man aber schon ein paar Stunden da ist, die Nacht länger und der Alkoholpegel der Gäste höher wird, dann findet man es meistens nicht mehr so zum Lachen, setzt er nach. "Ab und zu", und da geht sein Gesicht wieder in einem Grinsen auf, "passieren aber schon kuriose Sachen." Das macht neugierig. Aber Christian muss die Plauderstunde auf später verschieben. Jetzt kommt eine Kundschaft. Und zwar eine mit Helm.

Eine Packung Zigaretten verlangt der Mann mit dünnem Stimmchen unter seinem Visier heraus. Obwohl er gerade noch am Erzählen war, ist Christian aufgefallen, mit welchem Gefährt der junge Mann da ist: einem 25er-Roller. "Kann ich mal den Ausweis sehen?", fragt er, wirft einen Blick auf das Papier und lächelt dann: "Alles Gute zum Geburtstag - da bitteschön, deine Zigaretten." Tatsächlich ist der Rollerfahrer genau an diesem Tag 18 geworden.

Achteinhalb Stunden verbringt Christian jede Nacht an der Tankstelle. "Manchmal ist es schon beklemmend", gibt er zu. "Das ist ja wie eine Zelle. Die Tür öffnet und schließt sich ständig - aber ich kann nicht raus." Dafür kann aber jeder rein. Auch die, die man vielleicht lieber auf der anderen Seite der Glasscheibe wüsste. Häufigster Stressfaktor: Nach Mitternacht gibt es Alkohol nur noch für "Reisende" - sprich für Autofahrer. Das akzeptiert nicht jeder. "Manche gehen einfach, andere kommen fünf Mal mit ihrem Bier an die Theke. Wieder andere werfen dir ihre Wurstsemmel um die Ohren oder gleich die Faust", erzählt Christian. Drei Randalierer hat er in den letzten Jahren eigenhändig rauswerfen müssen. Sonst reicht es in der Regel aber, die Polizei zu rufen. "Man darf sich nicht provozieren lassen."




Hier treffen sich nachts alle. Und die meisten sind betrunken.


Noch wichtiger findet der ehemalige Zollbeamte: Menschenkenntnis. "Man muss innerhalb kürzester Zeit abwägen, wie man wann mit wem reden kann." Besonders heikel wird es in den frühen Morgenstunden, sagt er. Denn dann kommt hier alles zusammen: "Man muss seine Augen und Ohren überall haben. Hier prallen frühmorgens verschiedenste Menschen aufeinander und die meisten sind betrunken. Da kommt es schnell zu Reibereien. "

Noch sind wir davon aber weit entfernt. Ein paar Leute stehen vor dem Spirituosenregal und beraten, welches Getränk sie zum Vorglühen nehmen wollen. Immer wieder huschen Nachtschwärner herein und kaufen Zigaretten. Und eine Frau hat sogar tatsächlich getankt. "Ein Tag ist jedes Wochenende stärker, je nachdem, welche Veranstaltungen es gibt. Diesmal wird es wohl der Samstag sein."

Zwei Männer mittleren Alters kommen mit einem Kasten Bier an die Theke. Einer von ihnen kauft noch einen Schokoriegel, steckt ihn sich gleich in den Mund. Über irgendetwas unterhalten sie sich. Worüber und in welcher Sprache ist schleierhaft. Der, der den Bierkasten trägt, nuschelt so, dass es ein Wunder ist, dass sein Begleiter ihn verstehen kann. Dieser wiederum aber macht sich im Gegenzug nicht die Mühe, im Wechsel zu Sprechen und zu Kauen. Mit dem Mund voller Riegel gibt er Laute von sich - die kann der Bierkastenträger aber offenbar problemlos interpretieren.

Die Geschichte mit der nackten Studentin


Christian beobachtet die Szene mit stoischer Ruhe. Dann stürmt ein junger Mann den Laden. Wild redet er auf den Verkäufer ein: Er kann das Parkhaus nicht verlassen, hat Probleme mit seiner Dauerparkkarte. Christian versucht ihm zu erklären, was er falsch gemacht hat, doch der Parker hört gar nicht erst zu: Er will das Problem behoben haben. Sofort. Um ihm klar zu machen, dass das erst am nächsten Morgen möglich ist, braucht es aber mehrere Anläufe. Als er verstanden hat, verlässt der Mann übellaunig die Tankstelle.

Nicht immer sind die Kunden nett, das weiß Christian. Und doch hat er ab und zu auch was zu Lachen. Was war denn nun das Amüsanteste, was er bisher erlebt hat? Er überlegt nur kurz und erinnert sich dann an eine Szene: Eine Studentin, "wahrscheinlich vom Frizz drüben", stakst stark betrunken auf hohen Absätzen in den Verkaufsraum und ordert erhobenen Hauptes eine Packung Zigaretten. Was sie nicht bemerkt: Ihr trägerloses Oberteil ist nach unten gerutscht, ihre Brüste liegen frei. "Zieh dir mal dein Hemd hoch", sagt Christian, worauf ihn die junge Frau angiftet: "Was wollen Sie denn von mir?!". Freundlich weißt er sie auf ihre Blöße hin. Die Studentin schaut langsam nach unten, wieder hoch, zieht das Kleidungsstück mit einem Ruck nach oben. Und verlässt dann ohne ein Wort und ohne Zigaretten, dafür mit hochrotem Kopf die Tankstelle.

"Naja", sagt Christian und lacht wieder sein kehliges Lachen, "oft geht es schon lustig zu in meiner Zelle."




Das war's! Die 24 Stunden sind um. Seit dem Sommer haben wir euch wöchentlich die Stadt stundenweise aus einem anderen Blickwinkel präsentiert. Wir waren in der Notaufnahme des Krankenhauses, haben uns ins Nachtleben gestürzt, waren mit dem Fischer auf dem Wasser, haben mit der Stadtgärtnerei Rosen geschnitten, haben eine Stunde in die Wolken geschaut und, und, und. Wir hoffen, ihr habt gerne reingelesen! Zur Überblicksseite geht's hier.

Fotos: Lugbauer


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