19.10.2011 Die Hinfahrt ist Hochdeutsch, die Rückfahrt ist Bairisch22 bis 23 Uhr: Eine Stunde im Passauer Stadtbus, Linie 1 Weitere Beiträge auf der Themenseite Die meist geklickten BeiträgeAktuelle KommentareAm 29.02. 19:46 Uhr von Markus Ihle bei Und immer wieder der Weg zum Oberhaus Am 29.02. 19:31 Uhr von Jürgen Hellwing bei Und immer wieder der Weg zum Oberhaus Am 29.02. 11:26 Uhr von Marcel Köth bei Waldkirchen: 90-Jähriger richtet Pistole gegen sich selbst Am 29.02. 10:55 Uhr von Marco Madness bei Waldkirchen: 90-Jähriger richtet Pistole gegen sich selbst Am 28.02. 12:54 Uhr von Karina Mischkowski bei Baukunst aus Raum und Licht Am 26.02. 13:33 Uhr von Karina Mischkowski bei Den Winter nochmal einfangen | 23 bis 24 Uhr: Auf ein Bier an der ZentraltankstelleFliegende Wurstsemmeln und barbusige StudentinnenWenn es einen Ort gibt in der Stadt, der niemals schläft, dann ist es der hier. Die Zentraltankstelle in der Nikolastraße hat 24 Stunden geöffnet. Sie ist oft erste, oft letzte Anlaufstation für Nachtschwärmer. Und unsere letzte Geschichte der Serie. Mehr zum Thema: Alle Beiträge zum Thema "24 Stunden Passau" findest Du auf unserer Themenseite. Um diese Zeit, es ist Freitag, 23 Uhr, ist es noch ruhig im Verkaufsraum. Hinter der Kasse steht Christian (46). Seit zwölf Jahren schmeißt er die Nachtschicht. Ein Schrank von einem Mann, groß, breit, die Arme sind tätowiert. Einer, mit dem man sich nicht unnötig anlegen möchte, auch wenn der Blick schon vom Alkohol getrübt wird. Aber auch einer, der für jeden ein Lächeln übrig hat - wenn er sich anständig aufführt. "Manche hauen die Wurstsemmel um die Ohren, andere die Faust" "Um die Zeit ist es noch lustig", sagt Christian. Wenn man aber schon ein paar Stunden da ist, die Nacht länger und der Alkoholpegel der Gäste höher wird, dann findet man es meistens nicht mehr so zum Lachen, setzt er nach. "Ab und zu", und da geht sein Gesicht wieder in einem Grinsen auf, "passieren aber schon kuriose Sachen." Das macht neugierig. Aber Christian muss die Plauderstunde auf später verschieben. Jetzt kommt eine Kundschaft. Und zwar eine mit Helm. Eine Packung Zigaretten verlangt der Mann mit dünnem Stimmchen unter seinem Visier heraus. Obwohl er gerade noch am Erzählen war, ist Christian aufgefallen, mit welchem Gefährt der junge Mann da ist: einem 25er-Roller. "Kann ich mal den Ausweis sehen?", fragt er, wirft einen Blick auf das Papier und lächelt dann: "Alles Gute zum Geburtstag - da bitteschön, deine Zigaretten." Tatsächlich ist der Rollerfahrer genau an diesem Tag 18 geworden. Achteinhalb Stunden verbringt Christian jede Nacht an der Tankstelle. "Manchmal ist es schon beklemmend", gibt er zu. "Das ist ja wie eine Zelle. Die Tür öffnet und schließt sich ständig - aber ich kann nicht raus." Dafür kann aber jeder rein. Auch die, die man vielleicht lieber auf der anderen Seite der Glasscheibe wüsste. Häufigster Stressfaktor: Nach Mitternacht gibt es Alkohol nur noch für "Reisende" - sprich für Autofahrer. Das akzeptiert nicht jeder. "Manche gehen einfach, andere kommen fünf Mal mit ihrem Bier an die Theke. Wieder andere werfen dir ihre Wurstsemmel um die Ohren oder gleich die Faust", erzählt Christian. Drei Randalierer hat er in den letzten Jahren eigenhändig rauswerfen müssen. Sonst reicht es in der Regel aber, die Polizei zu rufen. "Man darf sich nicht provozieren lassen." ![]() Hier treffen sich nachts alle. Und die meisten sind betrunken. Noch wichtiger findet der ehemalige Zollbeamte: Menschenkenntnis. "Man muss innerhalb kürzester Zeit abwägen, wie man wann mit wem reden kann." Besonders heikel wird es in den frühen Morgenstunden, sagt er. Denn dann kommt hier alles zusammen: "Man muss seine Augen und Ohren überall haben. Hier prallen frühmorgens verschiedenste Menschen aufeinander und die meisten sind betrunken. Da kommt es schnell zu Reibereien. " Noch sind wir davon aber weit entfernt. Ein paar Leute stehen vor dem Spirituosenregal und beraten, welches Getränk sie zum Vorglühen nehmen wollen. Immer wieder huschen Nachtschwärner herein und kaufen Zigaretten. Und eine Frau hat sogar tatsächlich getankt. "Ein Tag ist jedes Wochenende stärker, je nachdem, welche Veranstaltungen es gibt. Diesmal wird es wohl der Samstag sein." ![]() Die Geschichte mit der nackten Studentin Christian beobachtet die Szene mit stoischer Ruhe. Dann stürmt ein junger Mann den Laden. Wild redet er auf den Verkäufer ein: Er kann das Parkhaus nicht verlassen, hat Probleme mit seiner Dauerparkkarte. Christian versucht ihm zu erklären, was er falsch gemacht hat, doch der Parker hört gar nicht erst zu: Er will das Problem behoben haben. Sofort. Um ihm klar zu machen, dass das erst am nächsten Morgen möglich ist, braucht es aber mehrere Anläufe. Als er verstanden hat, verlässt der Mann übellaunig die Tankstelle. Nicht immer sind die Kunden nett, das weiß Christian. Und doch hat er ab und zu auch was zu Lachen. Was war denn nun das Amüsanteste, was er bisher erlebt hat? Er überlegt nur kurz und erinnert sich dann an eine Szene: Eine Studentin, "wahrscheinlich vom Frizz drüben", stakst stark betrunken auf hohen Absätzen in den Verkaufsraum und ordert erhobenen Hauptes eine Packung Zigaretten. Was sie nicht bemerkt: Ihr trägerloses Oberteil ist nach unten gerutscht, ihre Brüste liegen frei. "Zieh dir mal dein Hemd hoch", sagt Christian, worauf ihn die junge Frau angiftet: "Was wollen Sie denn von mir?!". Freundlich weißt er sie auf ihre Blöße hin. Die Studentin schaut langsam nach unten, wieder hoch, zieht das Kleidungsstück mit einem Ruck nach oben. Und verlässt dann ohne ein Wort und ohne Zigaretten, dafür mit hochrotem Kopf die Tankstelle. "Naja", sagt Christian und lacht wieder sein kehliges Lachen, "oft geht es schon lustig zu in meiner Zelle." ![]() Das war's! Die 24 Stunden sind um. Seit dem Sommer haben wir euch wöchentlich die Stadt stundenweise aus einem anderen Blickwinkel präsentiert. Wir waren in der Notaufnahme des Krankenhauses, haben uns ins Nachtleben gestürzt, waren mit dem Fischer auf dem Wasser, haben mit der Stadtgärtnerei Rosen geschnitten, haben eine Stunde in die Wolken geschaut und, und, und. Wir hoffen, ihr habt gerne reingelesen! Zur Überblicksseite geht's hier. Fotos: Lugbauer
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