05.03.2012 Singlewanderung war wieder ein großer ErfolgJeden ersten Sonntag im Monat wird gewandert Weitere Bilder & Schnappschüsse Die meist geklickten BeiträgeAktuelle KommentareAm 29.02. 19:46 Uhr von Markus Ihle bei Und immer wieder der Weg zum Oberhaus Am 29.02. 19:31 Uhr von Jürgen Hellwing bei Und immer wieder der Weg zum Oberhaus Am 29.02. 11:26 Uhr von Marcel Köth bei Waldkirchen: 90-Jähriger richtet Pistole gegen sich selbst Am 29.02. 10:55 Uhr von Marco Madness bei Waldkirchen: 90-Jähriger richtet Pistole gegen sich selbst Am 28.02. 12:54 Uhr von Karina Mischkowski bei Baukunst aus Raum und Licht Am 26.02. 13:33 Uhr von Karina Mischkowski bei Den Winter nochmal einfangen | Sprayer Christian Sigl und Newstyle Graffiti Passau„Süchtig nach Graffiti“Graffitisprayen als Beruf? Christian Sigl räumt mit den gängigen Vorurteilen über Graffiti auf und erklärt die Passauer Sprayerszene. Sprayen als Beruf „Das hat mich gefressen und lässt mich nicht mehr los.“ Christian Sigl hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht: Der 28jährige ist Graffitisprayer und seit dem 1. Januar unter dem Namen Newstyle Graffiti selbständig. Seine Augen leuchten, wenn er von Graffiti erzählt. Wenn man ihn sieht, dann könnte man ihn sich in keinem anderen Bereich vorstellen. Als wir uns treffen trägt er seine Arbeitskleidung, einen grauen Kapuzenpulli und eine schwarze Hose, die mit bunten Farbflecken übersät ist. Umso paradoxer klingt es, wenn man erfährt, dass er früher Anzüge tragen musste: Er ist ausgebildeter Kaufmann für Bürokommunikation und hat drei Jahre lang selbständig im Versicherungsaußendienst gearbeitet. Wir fahren gemeinsam zum Passauer Graffitipark Haibach, wo er für lokalnews.de ein Graffiti vor Ort erstellen möchte. Er ist froh, dass er nun das machen kann, was er immer machen wollte. Mittlerweile steckt er seine gesamte Energie in Newstyle Graffiti und arbeitet dafür akribisch. „Ich male jeden Tag fünf bis sechs Stunden. Schließlich ist es mein Beruf“, sagt er, als wäre es selbstverständlich, so viel dafür zu tun. Angeberei ist ihm unangenehm. Seine Skizzen hält er in sogenannten Black-Books fest. Das sind die Tagebücher der Sprayer. „Wir schreiben keins, wir malen eins“, sagt Christian Sigl. In der Sprayerszene ist Christian als „Spawn“ bekannt. Unter diesen Namen sprayt er seit 15 Jahren. Angefangen hat alles mit zwei Freunden, die wie er zum gleichen Zeitpunkt auf die Idee kamen Graffiti zu machen. Er ist in Ruderting aufgewachsen, 1998 hatte er sich mit seinen beiden Kumpels zu einer „Crew“ zusammengetan. „Spawn“, „Stealz“ und „Mack“ nannten sie sich damals schon New Style, kurz NSE. So wie seinen Künstlernamen Spawn hat er auch den Namen Newstyle beibehalten. Die Hall of Fame Als wir in Haibach ankommen, führt mich Christian Sigl durch die Hall of Fame. Er zeigt mir die guten Graffiti von Freunden und erklärt mir offen, wie man erkennt, von wem es ist und was die Schriftzeichen heißen. Und er zeigt mir natürlich seine Graffiti. Die meisten im Graffitipark sind von ihm. Der lächelnde Koch am Eingang der Hall of Fame, die künstlerischen Schriftzeichen an der großen Wand und die drei halbnackten Comicfrauen bei der Bahnunterführung. Man merkt sofort, dass dieser Ort für ihn etwas ganz Besonderes ist. Besser gesagt, die „Hall of Fame“ in Haibach ist Christians Sigls großes Wohnzimmer. Doch nicht unbedingt jedem in Passau ist sie bekannt. Wenn man aus der Innstadt raus zum Tanken nach Österreich fährt, kommt man daran vorbei. Aber selbst dann ist sie versteckt. Für Christian Sigl ist die „Hall of Fame“ der wichtigste Platz in Passau geworden. Sie ist der einzige öffentliche Ort, an dem er legal seiner Leidenschaft nachgehen darf. Die hohen Wände der Unterführung bieten genügend Platz für Graffiti. Wenn kein Platz mehr ist, werden die alten Bilder übermalt. Mehr als 2.000 Schichten Farbe wurden hier schon von der Passauer Sprayerszene gesprüht und übermalt. „Als ich aus Ruderting weggezogen bin, hatte ich zuerst eine Wohnung, die nur 150 Meter von der Hall of Fame entfernt war. Ich hab jede freie Minute hier verbracht“, erzählt er, während wir an den Graffiti vorbeischlendern. Sogar nachts sei er mit Freunden raus und habe gesprüht, die Straßenlaternen der anliegenden Wiener Straße waren ihre Beleuchtung. Die Passauer Sprayerszene ist sehr klein, aber es gibt auch dort ungeschriebene Gesetze: Wer das erste Mal in der Hall of Fame sprayen möchte, der muss sich einem „Pyramidensystem“ unterordnen. „Wer am längsten dabei ist, bekommt auch die besten Plätze“, sagt Christian „Spawn“ Sigl. Anfänger müssen sich also erst einmal einen Platz suchen, der nicht im besten Blickfeld liegt. Legale Kunst statt Schmiererei Nachdem Christian eine passende Wandfläche gefunden hat, beginnt er mit seinem Graffiti. Währenddessen erzählt er mir, was die Aspekte seiner Arbeit sind. „Passau ist eine schöne Stadt, die nicht verunstaltet werden soll, sondern verschönert. Die Hall of Fame bietet Möglichkeiten für Jugendliche, zu sprayen“, sagt er. Illegale Schmierereien an privaten Hauswänden sieht Christian Sigl als Projektion von jugendlichem Hass, und dies „hat nichts mit Graffitikunst zu tun.“ Er selbst möchte Jugendliche auf den richtigen Weg bringen und ihnen helfen, damit sie das Sprayen richtig erlernen und es dort betreiben, wo es legal ist. Dazu bietet er Workshops an, u. a. für Schulen, wie z. B. die Nikolaschule oder die Montessori-Schule in Passau. Auch auf dem Afrika-Fest in Passau und den Pfingst-Open-Air in Hauzenberg hat er schon seine Graffiti-Fertigkeiten Jugendlichen vorgestellt. „Ich will den Kindern zeigen, dass Graffiti mehr als nur Schmieren ist“, sagt er. Konzentriert führt er nun die Linien für seinen Schriftzug. "Ich ziehe die Linien immer freihändig, das hat mehr Charakter als wenn ich Schablonen verwenden würde." Sein Bild nimmt langsam Form an, es ist sein Sprayername „Spawn“, den er fast täglich in neuer Form skizziert. „Ich muss in Übung bleiben“, sagt er und lächelt kurz. Dann fixiert er wieder konzentriert sein Bild. Er selbst hatte auch jemanden, der ihn geführt hat, und das möchte er weitergeben. Der Grünen-Stadtrat Stephan Bauer habe ihm gesagt, dass er „keine Häuser anschmieren soll.“ Bauer hat ihm auch erklärt, wie die Szene funktioniert und in Bauers früheren Hip-Hop-Laden „Back to Back“ kaufte er mit seinen Freunden seine Sprühdosen. Seit es den Laden nicht mehr gibt, muss er die Farben im Internet bestellen, sowie die verschiedenen Aufsätze für die Spraydosen. Im Internet kann man außerdem spezielle Sprayerkleidung, Handschuhe und sonstigen „Schnickschnack“ bestellen. „Für Graffitiutensilien gibt es mittlerweile eine ganze Industrie“, sagt er und wirkt dabei etwas verärgert. Ihn interessiert die reine Graffiti-Kunst und keine kommerziellen Accessoires. Christian Sigl zeigt uns Schritt für Schritt, wie ein Graffiti entsteht: Bauernhofgraffiti, „Die wilden Kerle“ und eine Großraumdiskothek Konzentriert führt er die letzten Linien. Nach ca. 75 Minuten ist schließlich sein Bild fertig. Er hat sich für den Termin extra beeilt. Die schwarze Farbe hat leider nicht gereicht, deshalb hat er die Outlines mit Grau gezogen, er ist etwas enttäuscht deswegen. Ich bin hingegen erstaunt, dass auf so kurze Zeit ein eindrucksvolles Graffiti entstehen kann. Christian schreibt zum Schluss noch sein Tag (eine Art Etikett oder Markierung) auf das Bild. Jetzt wirkt er auch zufrieden. Sein Unternehmen Newstyle Graffiti ist noch kein Jahr alt und befindet sich noch im Aufbau. Die Homepage möchte er im nächsten Jahr präsentieren. Viele seiner Aufträge haben sich deshalb auch hauptsächlich über Mundpropaganda oder über Facebook ergeben. Aber hat er schon zahlreiche Aufträge bekommen, unter anderem kuriose: In der Diskothek Empire in Österreich hat er sich mit Graffiti verewigt, ein Silo in Neukirchen hat er mit einer Kuhherde verziert, ein anderes mit einem Traktor und in ein Kinderzimmer sprayte er das Logo der „Wilden Kerle“ an die Wand. Und das ist nur eine kleine Auswahl. Christian Sigl möchte sich nicht auf eine bestimmte Richtung bei seinen Auftragsarbeiten beschränken. „Viele Sprayer sind nicht bereit, von ihren üblichen Styles abzuweichen, ich verschließe mich da nicht. Nur so kann ich weiter lernen“, erzählt er. Ich bin mir sicher, dass seine weltoffene Art ihm auch in Zukunft Erfolg bringen wird. Fotos: Vinzenz Gebhardt/Christian Sigl
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