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Zu Besuch in der Glockengießerei Perner

"Schiller hat mit keinem Wort gelogen"

Freitags geht es meist rund bei Perner: Freitag ist Gusstag. Hektische Stunden voller erhebender Momente rund um die Glocke. Wir haben uns an einem ruhigeren Tag durch den Traditionsbetrieb führen lassen.

veröffentlicht von Susanne Wax am 07.11.2011 12:41 Uhr im Ressort Land & Leute

Hohe Töne, tiefe Töne, laut und nachhallend. In Harmonie. "Muss i denn zum Städtele hinaus" ertönt vom Glockenspiel an der Glockenstraße in Hacklberg. An der Wand hängt die Liste mit 77 Liedvorschlägen: Klassisches, Volkstümliches. Eine Jukebox mit Glocken. "Ich warte immer drauf, dass sie mir mal Lady Gaga oder ähnliches programmieren. Für die Schulklassenführungen", sagt Monika Stürze lachend. Sie zeigt Besuchern die Glockengießerei Perner - und die Glocken-Jukebox ist die erste Station.

Die erste Station einer Reise auf den Spuren des Klangs. Denn der ist das Geheimnis der Traditions-Gießerei, die nächstes Jahr 65 Jahre in Passau besteht.




Die Pummerin im Passauer Dom ist in der Region das prominenteste Werk aus der Perner-Gießerei. Doch arbeitet der Betrieb, den Rudolf Perner in dritter Generation leitet, weltweit: Nach Florida, Neuseeland, Afrika, Nordamerika und die Ostländer liefert Perner Glocken inklusive kompletter Technik und Glockenstuhl. Die Pummerin aus dem Jahr 1952 mit 7.850 Kilogramm ist übrigens nur die drittgrößte Glocke aus dem Hause, erklärt Monika Stürze: Die zweitgrößte erklingt im Budapester Stephansdom mit 9.250 Kilogramm, die größte im oberbayerischen Kloster Scheyern mit über zehn Tonnen Gewicht.




In der Werkstatthalle riecht es nach Lehm. Nach Holz. Nach Wachs. Bestandteile der "falschen Glocke", der Form, die der späteren echten Glocke einen gewissen Durchmesser im Konstrukt freimacht. Hier arbeiten Zimmerer, Schmiede, Mechaniker, Kunstgießer. Sie stellen sie her, die Kirchenglocken, die Glocken für Privatkapellen, die Glockenspiele und die Hausglocken, nach denen es laut Monika Stürze wieder eine größere Nachfrage gibt. Hier entstehen aber auch komplett andere Kunstgüsse, Turmuhren und Zifferblätter mit raffiniert geformten Zeigern, Skulpturen wie unlängst die Sonne des Passauer Planetenpfads an der Ortsppitze oder die große Brunnenamphore in den Münchner Lenbachgärten.

Perfekter Klang, auf den Sechzehntel-Halbton genau


Die Arbeit am perfekten Klang. Ein Geheimnis, wie Monika Stürze erzählt: "Das Glockengeheimnis wird über Generationen nur an den Chef weitergegeben. Darum gibt es bei jeder Glocke Schritte, die nur Herr Perner durchführen kann." Der Klang, die Frequenz, all das wird errechnet, er wird per Schablone, genannt Rippe, die die Form bestimmt, in die Glocke eingebracht. Das Geheimnis, es lässt sich zwar leicht erklären: Es liegt im "weichen Perner-Klang". Doch herausfinden lässt es sich nicht: Niemals würde ein Glockengießermeister seine Formel verraten. Das Glockengeheimnis, Rudolf Perner hütet es für bedeutende Kirchenklänge: Für den "Dicken Peter" im Kölner Dom zum Beispiel, denn 1998 hat Perner die Karlsruher Glockengießerei aufgekauft und damit das Geheimnis übertragen bekommen.

"Der Ton einer Glocke wird bis auf den Sechzehntel-Halbton berechnet", erklärt Monika Stürze. Das sei vor allem wichtig, wenn zu bereits vorhandenen Glocken in einem Turm eine zusätzliche dazukommt. "Sie müssen sich das vorstellen wie einen Chor, zu dem ein neuer Sänger dazukommt. Wenn er falsch singt, klingt es nicht mehr gut."


Durch das kleine Loch in den Ziegeln am oberen Bildrand fließt die flüssige Bronze in die Form: In der Erde darf die Glocke schließlich lange ruhen. Auch in diesen Schichten ist noch eine vergraben.


Am Kernstück der Werkstatt herrscht heute kein Rummel: am Gußofen. Von dem der Laie erst einmal ein großes Loch im Boden wahrnimmt. Gefüllt mit Erde. Angrenzend an einen Ofen, mit einem kleinen Loch, aus dem die flüssige Bronze kommt, wie Monika Stürze erklärt. "Wenn gegossen wird, ist der gesamte Betrieb in Aufruhr. Jeder ist aufgeregt, aber positiv aufgeregt." In den Ofen werden Zinn und Kupfer gegeben, zu Bronze verschmolzen, über kleine gemauerte Wege zu den Ritzen geleitet, in die Form gegossen. "Oft sind die Vertreter der Kirche oder Gemeinde da, die die Glocke in Auftrag gegeben haben. Vor jedem Guss wird zusammen gebetet - das ist ein erhebender Moment", sagt Monika Stürze. Ein schöner Moment und einer, den Friedrich Schiller in seinem "Lied von der Glocke" schon 1799 beschrieben hat:

"Fest gemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden!
Frisch, Gesellen, seid zur Hand!
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben!
Doch der Segen kommt von oben."


"Schiller hat mit keinem Wort gelogen", sagt Monika Stürze. Was dann folgt: Ruhe. Drum wird die Glocke freitags gebrannt, wie Monika Stürze erklärt: "Dann gibt es erstmal zwei Tage lang keine Erschütterung, keine Maschine, die läuft, keine Schritte. Die Glocke hat Ruhe, die braucht sie zum Aushärten." Denn Aushärten, das tut die Glocke unter Tage: Sie bleibt in der Erde. Je nach Größe viele Tage oder Wochen. Wieder so, wie es bei Schiller heißt:

"Bis die Glocke sich verkühlet,
Laßt die strenge Arbeit ruhn!
Wie im Laub der Vogel spielet,
Mag sich jeder gütlich tun."


Ist sie schließlich ausgegraben, ist der Kern aus Ziegelsteinen herausgeschlagen, ist die Oberfläche gereinigt und die Glocke verladen, heißt es Abschied nehmen. "Das ist immer seltsam. Man beschäftigt sich so lange mit einem Objekt, dann wird es weggefahren. Und dann sieht man es nicht mehr", sagt Monika Stürzer. Mitarbeiter machen viele Fotos von den Glocken, wenn sie verladen werden, oft ein Gruppenfoto mit dem Klangkörper. "Wenn es eine große Glocke ist, ist das ein richtiger Rummel. Dann stehen auch die Nachbarn an den Fenstern und schauen zu", sagt Monika Stürze. Schön zu beobachten, welche Bedeutung Glocken nach wie vor für die Menschen hätten, sagt sie: "Es gab leider auch Zeiten, da war das anders. Im Krieg wurden sie von den Türmen genommen, eingeschmolzen und zu Kanonenkugeln verarbeitet." Was danach folgte, als die Kirchen schnell und günstig neue Glocken brauchten, waren Schnellgüsse aus weniger wohlklingendem Materialien - auch ein Aufgabenbereich der Perners: Nach wie vor gibt es Kirchen, die ihre "Behelfsglocken" gegen bronzene austauschen.

Glockengießerei ist wieder echtes Handwerk, und in jedem Handgriff steckt ein bisschen Liebe. Was den Perners seit beinahe 65 Jahren von ihren Glocken bleibt, sind die Weihen, zu denen sie eingeladen werden - und der Klang, den ihr Werk täglich verbreitet. Auch dafür fand Schiller wohl die schöneren Worte:

"Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf:
Hoch über'm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt,
Die Nachbarin des Domes, schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr."



Die Misericordia im Passauer Dom, angefertigt 1999.

Videos eines Glockengusses und vom Aufbau eines Glockenstuhles sowie viele weitere Infos und Fotos gibt es auf der Homepage der Glockengießerei Perner.

Fotos: Wax / Perner


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