Deine kostenlose Zeitung für Passau!

Weitere Bilder & Schnappschüsse


Die meist geklickten Beiträge


Aktuelle Kommentare



Fotos vom Rathausturm aus und ein paar historische Anekdoten

Passauer Ausblicke

Geduckt unter Balken, vorsichtig über einzelne Stufen im Halbdunkel, bis zum "Drahwurm" um die Spindel im Kreis: Geschafft. Wir sind oben. Und der Ausblick ist gigantisch.

veröffentlicht von Susanne Wax am 23.12.2011 10:39 Uhr im Ressort Land & Leute

Für unser Adventsquiz sind wir auf den Rathaustum gestiegen und haben die Stufen gezählt - ab dem Eingang zum Stadtarchiv am Rathausplatz, bis nach oben zum Aussichtsbalkon. Stadtarchivar Richard Schaffner hat den Schlüssel, als einziger neben dem Hausmeister. Warum ist der Rathausturm nicht öffentlich begehbar? Als Touristenattraktion? "Das werden'S dann gleich sehen", sagt Schaffner.

Oh ja. Nichts für Touri-Gruppen. Es ist dunkel, es ist eng, es ist anstrengend. Wir sind das schöne Treppenhaus hoch gestiegen, das mit dem Rautenmuster auf den Absätzen und den knarzenden Holzstufen, am alten Standesamt und am Stadtarchiv vorbei. Dann hat Richard Schaffner die erste Tür aufgesperrt, und es wird abenteuerlich. Ein Holzdachstuhl, tief ziehen sich die Balken über die Köpfe, man muss aufpassen, nicht zu stolpern. "Jetzt befinden wir uns in etwa über den Rathaussälen", sagt Schaffner. Wir gelangen in den Raum, in dem das Glockenspiel untergebracht ist, durch ein spitz zulaufendens Portal. Und erst dann wird es so, wie man es sich vorgestellt hat: Rein in die Spindel. Immer im Kreis, ganz eng ist es, Durchhalten, Schwindel ignorieren. Und dann ist man oben. Raus auf den Aussichtsbalkon, Ausblick genießen.

Und Fotos machen:




"Da war noch ein jeder baff, der hier draußen gestanden hat", sagt Schaffner. Dom und Residenz aus ganz neuer Perspektive, die Dächer der Innstadt schließen unmittelbar an die der Altstadt an. Als würde es den Fluss dazwischen nicht geben. Links die Türme von Niedernburg und der Studienkirche, rechts die Höllgasse, deren zickzack-artigen Verlauf man erst von hier oben erkennt. Direkt unterhalb der Rathaus-Innenhof mit der imposanten Kastanie, auf der anderen Seite der Blick auf Donauschiffe, Zollamt und die Autos, die zur Weihnachtszeit am Rathausplatz parken. Und ansonsten: Dächerlandschaft, so weit das Auge reicht.

Bürgergefängnis, Feuerwächter und Dachreiter


Passaus Rathausturm: Er hat eine bewegte Vergangenheit. Schaffner hat sie in einer Festschrift anlässlich der Einweihung des Glockenspiels im Oktober 1991 niedergeschrieben. Nach langem Hin- und Her in Sachen Besitzansprüchen, nach Bürgeraufstand im Jahr 1298 gegen den Fürstbischof bilden drei Gebäude am Fischmarkt, heute Rathausplatz, endgültig den Grundstock des Rathauses. Im damaligen Turm, so schreibt Schaffner, wurde ein Bürgergefängnis eingerichtet, im obersten Stockwerk wohnte ein Feuerwächter, der "bei Gefahr die Ratsglocke läutete". Abgerissen wurde dieser erste Turm um 1807: In diesem Jahr stürzte eine steinerne Wasserrinne herab. Es folgt eine Untersuchung durch Bausachverständige und wiederum ein Hin-und-Her, ob renoviert oder gleich abgerissen werden soll. Die Abtragung des Turms beginnt im Sommer 1811, heißt es in der Festschrift. Es dauert zwei Jahre, bis der Turm endgültig verschwunden ist.

Alte Fotos zeigen Pläne des Turms, das Rathaus ohne Turm und die Arbeiter, die am neuen Turm arbeiteten (Quelle: oben genannte Festschrift):




Der neue Rathausturm

Erste Entwürfe des neuen Turms gibt es 1883 von städtischem Baurat Johann Seidl. Der Architekturprofessor Heinrich Schmidt aus München fertigt die Pläne an. Der Bau beginnt 1889. Es gibt Kritik an der Vorgehensweise: Baurat Seidl hatte einen sanften Bau vorgeschlagen, der die bereits vorhandenen Gebäude verschont hätte; mit den neuen Planungen aber habe man bestehende Gewölbe an den Rathausgebäuden einreißen müssen. Auszug: "Bis zu fünf Meter Tiefe wurde das schlechte Material ausgehoben, bis endlich ein annehmbarer Grund für die Betonierung gefunden werden konnte. Durch diese Aushebung des Fundaments aber wurden auch Fundamente der Rathausmauern selbst untergraben und die Folge davon war eine Senkung derselben und ein Riss ins Rathaus."

Interessant ist die Vergabe der einzelnen Bauschritte:
Die Steinmetzarbeiten gingen an den Betrieb von Josef Kagleder für 28.221 Mark. Aus Kehlheimer Gestein wurde der Rathausturm erbaut - war jedoch auch Granit im Gespräch. Dann wäre der Bau um 6.000 Mark teurer gekommen, außerdem seien auch Dom und damalige Eisenbahnbrücke aus Sandstein.
Die Zimmererarbeiten wurden an Anton Scheuerecker vergeben für etwa 1.700 Mark.
Die Maurerarbeiten wurden an den Baumeister Josef Schwarzenberger vergeben, Summe: 24.858 Mark.

Von Schwarzenberger wiederum sind die Stundenlöhne der Mitarbeiter, die den Rathaustum erbauten, überliefert:
Polier 0,50 Mark
Tagelöhneraufseher 0,43 Mark
Steinmetzgeselle 0,45 Mark
Maurer 0,40 Mark
Zimmermann 0,43 Mark
Mörtelmacher 0,30 Mark
Handlanger 0,25 Mark
Tagelöhnerin 0,18 Mark
Mörtelbube 0,15 Mark
Außerdem wurden bezahlt: einspänniges Fuhrwerk mit 8,50 Mark in der Stunde sowie ein zweispänniges Fuhrwerk für den Stundenlohn von 14 Mark.


Der Turm war fertig - und die "Passauer Zeitung" schrieb im August 1891: "Man erkennt schon jetzt die imposante Höhenwirkung des Thurms, welcher trotz seiner tiefen Lage in das Totalbild der Stadt wesentlich eingreifen und den unterschiedlichen Kirchthürmen freundlich zur Seite stehen wird (...) ." Auf dem Turm thront damals eine mehrere Meter hohe Spitze (siehe erstes Foto in der zweiten Bildergalerie): Den "Dachreiter" nennen sie die Passauer, und sie bleibt nicht lange da oben. Im Jahr 1938 wird sie abgesägt. Anders als oft erzählt wird: Dass sie bei einem Artilleriebeschuss in Kriegstagen des Aprils 1938 heruntergeschossen wurde, hält sich als Info bei den Menschen. Zum Abbruch des Dachreiters schreibt die "Donauzeitung" im August 1938: "Wenn auch Grünspan seine Metallteile überzog, wenn auch seine Fugen sich lockerten - die Passauer hatten sich an ihn gewöhnt."

Ohne den Dachreiter "schrumpft" der Passauer Rathausturm von 65 auf 57 Meter Höhe. Und steht so da wie noch heute. Die "Donauzeitung" schreibt weiter: "In einem kleinen Korb wurden alsdann die letzten Überreste des Dachreiters in die Tiefe befördert und von den vorübergehenden Passauern mit einem letzten Gruß bedacht."

Fotos: Susanne Wax / Stadtarchiv Passau


2.055.263
Bericht wurde veröffentlicht von
Für Kritik, Lob oder Verbesserungsvorschläge nutze unser Feedbackformular. Gerne auch 100% anonym.
Veröffentlicht in folgenden Zeitungen:
Passauer Altstadt, Passauer Gschichten
Schlagwörter & Themen:
Zoll , lokalnews , Rathausplatz , Richard Schaffner , Eisenbahn , Niedernburg, Innstadt

Aktuelle Meldungen

Am heutigen Freitag, den 13., beenden wir lokalnews.de

...und jetzt sagen wir endgültig: Servus !

Das war's von uns: Mitte Februar haben wir euch informiert, dass lokalnews.de beendet wird. Am heutigen Freitag, 13. April, räumen wir unser Büro. Und bedanken uns für eine schöne Zeit! zum Artikel

Die Stadt macht erste Schritte in Social Media

Passau goes Twitter

Seit Ostern betreibt die Stadt unter dem Namen Stadt_Passau einen offiziellen Twitter-Account. Damit können die neuesten Meldungen aus dem Rathaus von allen Interessierten verfolgt werden. zum Artikel

Weitere Meldungen im Tagesticker

Deine Meinung