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Bei der Rokoko-Fechtschule geht es um Sport und Lebensart

Das Schachspiel mit der Waffe

Die unbewegte Haltung, starr aber anmutig. Die Augen ausdrucksvoll, mit geradem Blick, pfeilgerade sogar, nicht mal ein Blinzeln.

veröffentlicht von Susanne Wax am 13.01.2012 11:26 Uhr im Ressort Land & Leute
Mehr zum Thema: Alle Beiträge zum Thema "350 Jahre Barockstadt Passau" findest Du auf unserer Themenseite.

So wie Siegfried Raczka posiert, so wünscht es sich wohl jeder Fotograf von seinem Modell vor der Linse. Raczka ist es gewohnt, den Körper auf Pose zu halten. Körperbeherrschung, darauf kommt es an bei seiner Leidenschaft. Dem Fechten. Seit 40 Jahren lehrt der 64-Jährige es. Die Sparte Fechten des TV Passau, die „Rokoko-Fechtschule“, sie rückt im Barockjahr in Passau in einen besonderen Fokus.

Herrschaftlich ist der Sitz der Fechter, die „Konstante“: Einer der Türme der alten Stadtmauer in der Innstadt. Der, der eben praktischerweise auf dem TV-Gelände liegt, ist die Heimat der Gruppe. Man erreicht ihn über die Laufbahn. Über schmale Treppen geht es weiter ins Turmzimmer, es ist herrschaftlich eingerichtet. Degen hängen an der Wand, die geschwungenen Griffe werfen Schatten. Die Stühle mit den edlen Hussen, der feine Lesesessel im Eck, die Stiche von historischen Kampfszenen an den Wänden, die vielen Bücher daneben auf dem Fensterschacht. Fachliteratur, die Raczka sich über all die Jahre angeeignet hat. Sie und die meisten anderen Dinge im Turm gehören ihm. Er lebt sein Hobby.




Der gebürtige Passauer hat einst ganz klassisch mit Sportfechten begonnen, in weißer Schutzkleidung und mit Gesichtsschutz. Der Vater und der Opa, beide hatten sie diesen Sport ausgeübt, mit 14 fing auch er an, sich für die Degen, Dolche und Säbel zu begeistern. Die Sparte beim TV hatte bereits einen festen Mitgliederstamm. „Doch wie es mit dem Menschen so ist“, erzählt der Mann mit dem akkuraten weißgrauen Bart und den Koteletten. „Man ficht für sich selbst und wenn man nicht gewinnt, kommt der große Frust.“ Denn große Erfolge, die könne man beim Fechten nun mal nicht in dem Maße feiern wie bei anderen Sportarten. Die Sparte Fechten erlebte eine Stagnation. „Die Leute sagten: ,Die ganze Woche über muss ich mich ärgern und dann fahre ich am Wochenende hunderte Kilometer zu Turnieren und muss mich wieder ärgern.' “ Da muss es noch etwas anderes geben, dachte Siegfried Raczka sich damals. Etwas, das die Menschen an diesem Sport noch fasziniert und bei der Sache bleiben lässt, auch ohne Punkte und Platzierungen. Und so führte er das klassische Fechten ein, das Schaufechten, das, was mit Schauspiel, Geschichte und Vertrauen zu tun hat.

Theaterblut und Schmerzensschreie


Zwölf Mitglieder hat die szenische Fechtgruppe momentan. Aufgeführt werden echte Duelle, wie sie vor Jahrhunderten ausgetragen wurden, mit kunstvoll geformten Waffen und mit Theaterblut unter den maßgeschneiderten Kostümen. Wie eine Choreographie läuft ein Schaukampf ab, jede noch so kleine Bewegung ist genau einstudiert – nur darf der Zuschauer das nicht merken. Schmerzensschreie, wenn man „getroffen“ wurde, das theatralische Niedergehen des Unterlegenen am Schluss des Duells – das gehört alles dazu. Aufgetreten wird bei Festen und Feiern auf Burgen und Schlössern, bei Marktrichtertagen und Damenmodenschauen, bei Burschenschaften und Schulfesten – und heuer im Jahr des Barock in Passau (siehe Kasten unten).

Die Rokoko-Fechter haben uns Fotos von Auftritten zur Verfügung gestellt:




Weil die Stile des Fechtens so vielfältig sind wie die Gestaltung der Waffen, haben die Passauer Fechter sich die Epoche des Rokoko ausgesucht. Die Männer tragen Perücken und Hüte, weiße Blusen, Westen und Kniehosen, Rockschöße und Lederschuhe. Die Damen haben prächtige Gewänder in Rot und Mitternachtsblau, ellbogenlang und mit flügelförmigen Aufschlägen. „Unsere Schneiderin näht sie mit etwas mehr Spielraum in den Armen, damit die Frauen sich damit beim Fechten auch bewegen können“, erklärt Siegfried Raczka. Viel kann er erzählen von der Bedeutung des Fechtens früher, zu Zeiten des Adels und der Duelle. Vom Beleidigten, der den Beleidiger über seinen Sekundanten herausforderte. Vom ersten Tropfen Blut, der ein Duell beendete. Von der Zeit, ab der der Degen nur noch als eine Art Statussymbol getragen wurden, „wie eine Rolex“, sagt der 64-Jährige. Und vom Strafgesetzbuch, in dem der Duellparagraph erst im Jahr 1969 offiziell gestrichen wurde.

Meister der Theorie und der Praxis


Raczka ist ein Meister der Theorie und der Praxis. In jeder Hinsicht: Die meisten der Waffen, die den Turm der Fechter schmücken, hat Siegfried Raczka selbst angefertigt. Er kauft die Klingen im Fachhandel, die Griffe, „Körbe“ genannt, fertigt er in einem aufwendigen Gussverfahren selbst an, ahmt Originale präzise nach, inklusive feinster Risse, die die Vorbilder bei Kämpfen erlitten haben. „Ich habe eine ganze feinmechanische Werkstatt daheim“, sagt er. Einige Originale gehören allerdings auch zur Sammlung, sein besonderer Stolz.

Die Präzision, die er in die Anfertigung der Waffen legt, zeichnet die ganze Sportart des Fechtens aus, sagt er. „Fechten ist eine präzise Angelegenheit. Es ist wie ein Schachspiel mit der Waffe. Man muss immer denken: Was mache ich als nächstes? Und was könnte der andere dann als nächstes machen? Und was mache ich dann wiederum als nächstes? Die Taktik ist wichtig.“ Beim Schaufechten komme der Nervenkitzel dazu, weil man sich ohne Schutz vor eine Waffe stellt. Deshalb brauche es enormes Vertrauen zum Partner, mit dem man das Duell vorführt. „Man tritt nur mit dem auf, mit dem man vorher geübt hat“, sagt Siegfried Raczka. Man trainiert die Signale bis zum Gehtnichtmehr. Den Arm an die linke Schulter gezogen heißt: Dahin geht mein nächster Hieb. So kann das Gegenüber zurückweichen. Beim Stoß gibt es die fixe Regel: Immer fünf Zentimeter neben den Körper stoßen.

„Fechten ist die einzige Sportart, bei der man einen anderen Menschen mit einer Waffe bewusst angreift und ihn auch treffen will“, sagt Siegfried Raczka. Beim Sportfechten, auch elektrisches Fechten genannt, stehen sie im Mittelpunkt, die Treffer. Es geht um Schnelligkeit, Action, um Angriff, um das Klirren der Degen wie im Film. „Ohne zwei Mal Trainieren in der Woche gibt es keine Erfolge“, sagt Siegfried Raczka. Beim Schaufechten hingegen reicht auch das nicht. Da muss man sich einlassen auf die Welt der Duelle, man muss sich Literatur, Lebensart und Gesellschaft dieser Zeit zu Gemüte führen. Man muss es leben.




Die Rokoko-Fechtschule im Internet mit Videos von Schaukämpfen: hier klicken.


Termine im Barockjahr:

  • Kostümvortrag bei der VHS am 12. Juni: "Das Duell im 18. und 19. Jahrhundert. Hintergründe, Ablauf eines Duells, Aufgabe der Sekundanten usw. Blankwaffenkunde und Fechttechniken"
  • "Fechten wie im Barock" – Schnupperkurs über die VHS Pasau, Termine: 23. Juni, 29. Juni und 6. Juli
  • Großes Zeltlager mit Fechtvorführungen, Waffenschau, Theater und Schaukampf, Demo von Fechttechniken beim Barockfest vom 31. August bis 1. September auf dem Passauer Domplatz


  • Und in Eigenregie steht der nächste Termin nächste Woche an:
    Am Dienstag, 17. Januar, gibt es ein Seminar im Turm zur Entwicklung der Fechtkunst und der Fechtwaffen, zu Blankwaffenkunde, historischem Fechten, klassischem Fechten, Sportfechten, akademischem Fechten und Duellen. Das Seminar ist für Interessierte offen und kostenlos. Beginn ist um 19.30 Uhr, Getränke werden gegen Selbstkostenpreis abgegeben.

    Fotos: Wax / Sparte Fechten des TV Passau


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