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Ludwig Boxleitner und seine Antiquitäten: Ein Portrait

Vom Passauerischen Wolpertinger

Die kleinen Altstadtläden: Immer schon da, jahrelang rennt man dran vorbei. Damit ist jetzt Schluss, haben wir und gedacht, und den Boxleitner Ludwig in seinem Antiquitätenladen besucht.

veröffentlicht von Susanne Wax am 23.04.2011 10:59 Uhr im Ressort Land & Leute

Ludwig Boxleitner sagt, er sei mit dem Hochwasser gekommen. Im Juli 1954, Jahrhundertfluten in der Stadt, das Wasser reicht schon bis an die Tür des Elternhauses in der Rosenau. Da liegt seine Mutter in den Wehen: "Der Vater hat dann die Hebamme Huckepack zu uns hintergetragen. Damit's keine nassen Füße kriegt." Dann wurde er geboren, der Ludwig. Und sagt heute noch, dass es er wohl auch war, der es wieder vertrieben hat, das Hochwasser: "Der Vater hat gesagt, ich hab dann so lange geschrien, bis es gewichen ist." Ludwig Boxleitner lacht. Das tut er oft und gern.


In seinem Antiquitätenladen in der Schustergasse ist der 56-Jährige wie ein besonderes Ausstellungsstück. Ein buntes Sammelsurium ist der Laden, mit seinen engen, hohen Räumen voller wertvoller Dinge und voller Ramsch, ein besonders schönes Grammophon hier, ein Schwung Bierkrüge mit Brauerei-Werbeaufdruck da, das uralte Kruzifix an der Wand, die glitzernden Modeschmuckketten gleich neben der Verkaufstheke.


Und Ludwig Boxleitner ist genau so vielseitig: Er spricht gerne und viel, mal mit ganz hoher Stimme, dann wieder tief und belehrend. Zu vielem hat er eine Meinung, zu allem eigentlich, und nicht immer ist es eine gute. Zu seinen Stücken im Laden weiß er ebenso alles, mal erklärt er es ausführlich, dann wieder gibt es von ihm nur ein Schulterzucken. Die Weste überm Polohemd, die Kette mit dem großen Anhänger um den Hals, die kurzen Stiftelhaare und der Bart, der schon ein bisschen grau ist.





"Leute verarschen: Mit mir nicht"


Und was er schon alles gemacht hat: Bankkaufmann war er, eine Versicherungsagentur hatte er, an einer Abendschule studierte er BWL, dann hat er die Schnauze voll gehabt von der Branche, sagt er: "Das war alles nur noch Theorie. Leute verarschen. Nein, hab ich mir gedacht, mit mir nicht." Er sei ein beruflicher Aussteiger, erklärt Ludwig Boxleitner. Flohmarktware sei dann sein Metier geworden, zwischendurch ein Gemüsehandel. Und dann sprach der Kurt Haimerl, ein guter Freund von ihm, davon, seinen Antiquitätenladen aufzugeben: "Drei Minuten haben wir gesprochen, dann war die Sache klar. Für Antiquitäten hab ich mich schon von klein auf interessiert und alles Mögliche gesammelt."


Seit sieben Jahren hat er nun den Laden gegenüber der Studienkirche, über dem Eingang prangt noch "Antiquitäten Haimerl": "Mei, die Schrift geht halt ned ab", sagt er und zuckt wieder mit den Schultern. Wer reinkommt zu ihm, der sehe schon, wem da das Geschäft gehört. Und reinkommen zum Ludwig Boxleitner, das tun viele. Der österreichische Getränkelieferant, der regelmäßig zum Ratschen kommt, und zum Schauen. "Jetzt fahr ich mal an einem freien Tag her und schau mir jedes Stück bei dir an", sagt der. Die Wirte der Lokale in der Straße, die Anwohner, die Standler vom Wochenmarkt am Domplatz: "Bei mir herin ist oft ein richtiger Stammtisch", sagt Ludwig Boxleitner.


"Die fotografieren alles und gehen dann wieder"


Und Kundschaft? Ja, die kommt auch, aber zu seinem Leidwesen viel weniger kaufkräftig als noch vor ein paar Jahren. "Anfangs lief es gut", denkt er nach. Und beim Haimerl sei der Laden noch so gut gelaufen, dass er sich bei der Übernahme direkt die Hände gerieben habe. "Jetzt hat keiner mehr Geld", sagt er. Aus Wien komme zwar oft Kundschaft, auch aus den USA, aber Laufkundschaft? Ludwig Boxleitner wird grantig: "Für die Touristen bin ich ein Museum mit freiem Eintritt. Die kommen, fotografieren alles und gehen wieder."


Hin und wieder ein Passau-Reiseführer oder ein "ganz normales Feuerzeug" für einen Euro, das die Kundin braucht, die gerade herein kommt, viele Getränke, wenn es draußen heiß ist: Das ist das übliche Tagesgeschäft: "Es reicht halt zum Überleben", sagt Ludwig Boxleitner. Dafür sei es ihm eine umso größere Freude, wenn jemand mit festem Ziel kommt. Viele Briefmarken, Münzen und "militärische Dinge" gehen dann über den Ladentisch: drei Spezialgebiete von ihm, erklärt er.


Das Geschäft könnte man schon ankurbeln, findet Ludwig Boxleitner: "Da haben wir ein City Marketing, aber die einfachen Dinge gibt's nicht. Vier, fünf Mal im Jahr einen großen Flohmarkt in der Fuzo, das wär was. Oder direkt mal hier in der Altstadt. Wir haben die paar Wochen beim Christkindlmarkt, wo mal viel los ist, ansonsten ist alles tot."


Dafür sei nachts regerer Betrieb, als ihm lieb ist: Durch Passaus Medien ist sein Schild gegangen, das er an die Scheibe gehängt hat: "Tür anpinkeln verboten": "Was das schon fotografiert worden ist." Die Botschaft auf dem Schild ist deutlich: Gewitterwolken sind neben die Worte gezeichnet, in der Ecke unten rechts ein Totenkopf, links ein Hangman und ein paar Grabsteine.


Dem "Passauer Fensterspucker" auf der Spur


Vor allem am Wochenende habe er eine Zeit lang jeden Morgen beim Aufsperren "eine Pisslaggern" herin gehabt im Geschäft: "Da haben sich die Studenten nach dem Fortgehen erleichtert. Aber nicht mit mir." Seit das Schild da ist, sagt er, habe sich das aufgehört. Das beruhigt ihn. Nur einem anderen Widerling sei er noch nicht auf die Schliche gekommen: dem Passauer Fensterspucker. "Da rennt nachts oft einer rum und spuckt an alle Schaufenster in der Altstadt. Ekelhaft ist das, ich vermute schon, wer das ist, ich hab da einen Verdacht. Aber erwischt hab ich ihn noch nicht."


Im Schaufenster präsentiert Boxleitner vor allem seine Mineralien, auf die er stolz ist. Mineralien, damit hat er es besonders: Sein aktuelles Projekt ist ein Mineralienmuseum daheim bei ihm im Haus in der Rosenau. "Ich komm nur nicht dazu, es fertig einzurichten", sagt er. Im Laden steht er jeden Tag, auch am Wochenende. Zwei große Lager hat er noch im Landkreis, mit Antiquitäten, nach denen es regelmäßig zu schauen gilt. Doch könnte er es sich richtig schön vorstellen: die Regale des früheren Porzellanladens der Rosenstängl-Schwestern, die Verkaufstheke des alten Grenzlandkaufhauses in der Fuzo.


All das hat Ludwig Boxleitner aufgekauft. Darauf seine Halbedelsteine anrichten, davon schwärmt er. Ludwig Boxleitner, der als Helmut im Telefonbuch steht - "Jahrzehntelang ham die mich richtig geschrieben, dann war ich auf einmal der Helmut. Aber mir ists egal, ich ruf die nicht mal an" - tut einen Seufzerer: "Man hat's halt doch mit dem Zeug. Es ist halt auch mein Hobby."



Viel zu ausufernd wäre es aufzuzählen, was es bei Ludwig Boxleitner alles gibt. Drum nur ein paar (und doch wieder viele) Beispiele:

Geigen und andere Instrumente, alte Bügeleisen, Kruzifixe, Malerei aus alles Epochen, Bücher aus ebenso unterschiedlichen Zeiten, Kaffeemühlen, Kerzenleuchter, jede Menge Modelleisenbahnwaggons, Trinkgefäße in allen Varianten, Biefmarken und Münzen, Militärmützen und -gewand, "viel Biedermeier", eine Sitzgruppe aus einem alten Jagdschloss, Geweihe, alte Fotoapparate und zwei Wolpertinger. Einen "normalen" und einen "Passauerischen", wie er erklärt: "Der Passauerische hat herschwimmen müssen, durchs Hochwasser. Drum hat er Schwimmflossen." Der Wolpertinger sei wie auch er "mit dem Hochwasser gekommen."

Antiquitäten Boxleitner
Schustergasse 17 in Passau
Telefon 0851 / 36173


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Veröffentlicht in folgenden Zeitungen:
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Schlagwörter & Themen:
Hochwasser , Schustergasse

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