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Die Geschichte eines überdimensionalen Bauvorhabens

Vom Gigantismus, den der Krieg verhinderte

Passau, Stadt im Dreiländereck, Brücke zu Österreich und Tor zum Osten: Um ein Haar wäre dieser Lage für immer ein negativer Nachgeschmack angehaftet. Mittels eines gigantischen Bauwerks.

veröffentlicht von Susanne Wax am 06.05.2011 15:33 Uhr im Ressort Land & Leute

Die alteingesessenen Passauer sprechen noch oft davon: Vom gigantischen Tor, das Adolf Hitler errrichten wollte, drüben auf der Anhöhe bei Grubweg; von den unvorstellbaren Ausmaßen eines Bauwerks in dieser exponierten Lage; vom Krieg, der gerade noch rechtzeitig ausgebrochen sei, um das Vorhaben zu verhindern. Und davon, wie man wohl jetzt dastehen würde als Stadt mit einem der größten Erinnerungsmale eines der größten Menschheitsverbrechen.

Wir haben im Stadtarchiv nachgefragt: Was hatte es auf sich mit Hitlers Plänen?

Zunächst ein paar Bilder - alles, was existiert, sind diese Fotomontagen:



Das "Tor zum Osten" sollte aus Granit und 67 Meter hoch sein, ein großer Bogen, eine Mischung aus griechischem Tempel und Triumphbogen.
Der Standort: der Passauer Fuchsberg in 404 Metern Höhe (Schaffner: "Heute gesehen direkt oberhalb des Rosencafes").
Drum herum war ein Ehrenhain vorgesehen mit den Maßen 255 mal 130 Meter.
Links und rechts sollte es je einen Sockel mit einem Relief geben, außerdem eine Freitreppe, die zu einem Altar in der Mitte des Bogens führt.
Geplant wurde das "Ehrenmal Großdeutschlands" von Architekt Paul Bonatz im Jahr 1939.
In der Größenordnung der deutschen Nationaldenkmäler wäre das Tor auf Platz zwei nach dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig gekommen (die weiteren. Walhalla bei Regensburg, Befreiungshalle bei Kehlheim, Niederwalddenkmal bei Rüdesheim und Hermanndenkmal bei Detmold



Eines stellt Stadtarchivar Richard Schaffner gleichmal klar: "Das Bauwerk hatte nicht Hitler persönlich geplant. Es war ein Architekt, der es entwarf. Es war eben mitten im Dritten Reich, es gehörte zu der Reihe vieler riesiger Monumente, die da errichtet wurden. Darum sagt man bis heute, der Hitler wollte das bauen." Eine Buchkapitel samt Fotomontagen stellt Schaffner uns zur Verfügung: Martin Ortmeier und Winfried Helm befassten sich in einem Buch mit dem Thema Granit. Ein Kapitel widmeten sie dabei dem "Granit in der Architektur des Dritten Reichs".


"Theatralische Inszenierung und Täuschung"

Und aus diesem Kapitel geht hervor, dass wohl keiner das "Tor zum Osten" jemals wirklich bauen wollte: von "theatralischen Inszenierungen und Täuschungen" ist die Rede, mit denen das NS-Regime gerne Propaganda machte. Zwar soll "die heimische Granitindustrie von dem Projekt in Kenntnis gesetzt worden sein": In einer Quellenangabe heißt es, ein Waldkirchner Steinbruchbetrieb soll einen Auftrag zur Lieferung großer Quadersteine für ein hohes Bauwerk am Fuchsberg gehabt haben. Laut Stadtarchivar Schaffner bekam aber die Passauer Bevölkerung lange Zeit nichts mit von dem Vorhaben, ein gigantisches Tor in Sichtweite hoch über der Stadt zu errichten.


Was wäre heute, wenn ... ?

Im September 1939 brach der Krieg aus und machte die Planungen des Bauwerks zunichte. Was wäre heute, wenn ... ?
Folgendes lässt sich laut der Buchautoren sagen: Das "Tor zum Osten" hätte wohl alle Dimensionen der Passauer Bauwerke übertroffen. "Augenfällig ist, dass mit diesem Monumentalbau die bisherigen Sichtmarken der fürstbischöflichen-klerikaler Akzentsetzung (Dom, Veste Oberhaus, Wallfahrt Mariahilf) maßgeblich beschnitten worden wären". Ob von Österreich oder vom Bayerischen Wald aus, von der Autobahn oder von den Schiffen donauaufwärts aus: Gesehen hätte man als erstes das Tor. Es wäre wohl zum optischen Markenzeichen Passaus geworden - mit dem Anstrich schrecklicher Erinnerung.

Passaus Stadtbild hätte sich verschoben, sagen die Buchautoren: Etwa einen Kilometer außerhalb hätte das Tor gestanden, weit unterhalb von Oberhaus und Dom, wodurch "die bisherige optische Bezugslinie des Passauer Städtebaus außer Kraft gesetzt" worden wäre.


Das Tor und die Autobahn

Ein weiteres Vorhaben im Dritten Reich bringen Martin Ortmeier und Winfried Helm ins Spiel: den Bau der Reichsautobahntrasse Regensburg - Linz. Eine der geplanten Varianten hätte über Schalding geführt, weiter über Haidenhof und den Inn, über Schardenberg nach Münzkirchen. "Damit hätten sich gerade von der Autobahn aus einige der beeindruckendsten Ansichten des Monuments ergeben", heißt es im Kapitel. Zudem stehe in einigen Bildunterschriften der Fotomontagen: "von der Autobahn aus gesehen". Fazit: Die Planer wollten ein Bauwerk, das auch von der Hauptverkehrsader aus ins richtige Licht gerückt wäre.


Wie realistisch waren die Pläne für das "Tor zum Osten" eigentlich? Richard Schaffner ist sich unsicher: "Ein bisschen zu übertrieben wirken diese Pläne von Anfang an." Martin Ortmeier und Winfried Helm schreiben: "Die (...) Mengenangaben zum Natursteinbedarf für die Monumentalbauten rücken die gigantomanischen Planungen in den Bereich der Utopie." Das Land sei zu schwach gewesen, um ein solches Bauvorhaben zu schwächen. Gerade die Eingriffe des NS-Regimes in die Wirtschaftsstruktur des Landes hätten die Bauausführung "weitestgehend unmöglich gemacht". All die übersteigerten Montagen seien auf eines zurückzuführen: dem Wunsch des NS-Regimes, sein "Wunschbild möglichst wirksam der Weltöffentlichkeit zu präsentieren".


Auch der Architekt hielt sich zurück

Als weiteres Zeichen, unter welch schwammigen Bedingungen das "Tor zum Osten" geplant wurde, werten Martin Ortmeier und Winfried Helm das Verhalten des Architekten Paul Bonatz. Überhaupt, seine Person: Ursprünglich sei Bonatz ein Gegner des NS-Baustils gewesen. Er sei nicht einmal Mitglied der NSDAP gewesen. Er habe sich zum Beispiel gegen die Gestaltung des Münchner Königsplatzes ausgesprochen, und: Er habe einen Architekten, der sich auf illegaler Durchreise befand, zu Gast gehabt.

Die Planungen für das Passauer Ehrenmal seien "mit wenig Elan und Energie" betrieben worden. So habe er zum Beispiel das ganze Konstrukt keinesfalls komplett neu erfunden: Er habe lediglich Pläne aus dem Jahr 1915 für ein Ehrenmal leicht überarbeitet. Die Bogenform habe sich auch bei Bonatz' wichtigstem späteren Bauwerk wiedergefunden: dem Stuttgarter Hauptbahnhof.


Die Flucht

Der Architekt des "Tor zum Osten" flüchtete letztendlich aus dem Land. Vier Jahre, nachdem sich das riesige Monument auf Passaus Anhöhe durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erübrigt hatte, "verließ er Deutschland in Richtung Türkei, wo er als Berater des türkischen Staatsarchitekten in Ankara und schließlich als Professor an der Technischen Universität Istanbul" arbeitete. Paul Bonatz kehrte später zurück nach Deutschland: im Jahr 1954. Fast zehn Jahre nach Kriegsende.

Fotomontagen: 1939, Stadtarchiv Passau


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Veröffentlicht in folgenden Zeitungen:
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Schlagwörter & Themen:
Oberhaus , Schalding , Veste Oberhaus , Wallfahrt , Mariahilf , Richard Schaffner

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