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Die Aktivistin Dr. Anne Hahn im lokalnews.de-InterviewFrau Hahn, sind Sie ein Wutbürger?Von der Familienmutter zur Frontfrau des Protests: Dr. Anne Hahn im Gespräch über ihr Engagement und ihren ungewöhnlichen Wandel. | |  |
Ich treffe Dr. Anne Hahn (64) im Grünen. Auf der Uniwiese am Inn sitzt sie neben ihrem Fahrrad und ist ein Buch versunken. Die Beine hat sie ausgestreckt, neben ihr liegen frisch gepflückte Kräuter und ihre Tasche mit dem Anti-Atomkraft-Aufkleber.
Guten Morgen, Frau Hahn. Was lesen Sie denn da?
Eine Sammlung von jüdischen Witzen. Ich mag den jüdischen Humor, der ist sehr sarkastisch. Galgenhumor. In verzweifelten Zeiten sprießt der besonders gut.
Erzählen Sie uns ihren Lieblingswitz?
Da gibt es zum Beispiel den, von dem kleinen Jungen, der im orthodoxen Russland ohne Hose unterwegs ist. Er stammt aus einer Zeit, in der noch sehr jung geheiratet wurde. „Ja, solltest du denn nicht im Kindergarten sein“, fragt ein alter Mann den Jungen. „Nein, ich muss nicht in den Kindergarten“, erwidert der, „ich bin verheiratet.“ „Aber warum läuft ein verheirateter Mann denn auf offener Straße ohne Hosen herum?“, fragt der Mann weiter. Der Junge antwortet: „Mein Bruder heiratet heute. Ich musste ihm meine Hose leihen.“
Sehr gut finde ich auch den von Mose, der dem Pharao gegenübersteht. Der Pharao will die Angelegenheit „von Mann zu Mann“ regeln. Mose sagt zu ihm: „Wo ist denn dieser Mann? Vielleicht kann ich mich mit ihm gütlich einigen.“
"Man muss Aufmerksamkeit erregen"
Die ersten Wolken ziehen über Passau auf. Es riecht nach Regen. Wenig später tropft es auf uns herunter. Anne Hahn beeindruckt das wenig. Erst als richtig dicke Tropfen auf uns herunterprasseln, schlägt sie einen Ortswechsel vor. Nicht unter ein Dach, nein, ganz natürlich unter einem Baum suchen wir Schutz.
Infomaterial und Zeitungsausschnitte werden nach Themen sortiert aufbewahrt. Bekannt geworden sind sie in Passau, weil sie in einer bunten „Autofahren ist Heilbar“-Weste am Schanzl Autofahrer angesprochen haben, damit sie ihren Motor abstellen. Machen Sie das eigentlich noch?
Nein, damit habe ich aufgehört. Die meisten Leute hatten meine Flyer dann auch schon. Natürlich ist Umweltschutz mein Thema geblieben – ich benutze nur Recyclingpapier und das beschreibe ich beidseitig – aber das ist ein wenig in den Hintergrund gerückt. Im Moment kümmere ich mich intensiv um die Flüchtlinge.
Für Ismail Afzali sind Sie in den Hungerstreik getreten. Eine extreme Form des Protests. Warum?
Die Idee ist eigentlich spontan entstanden. Die jüngere Generation – wir haben hier sehr engagierte Studenten – hat mal eben eine Webseite gemacht und die Online-Petition auf den Weg gebracht. Ich habe es eben auf meine Weise gemacht, persönliche Briefe an die Parteivorsitzenden geschrieben und bin an Ostern zwei Stunden mit meinem „Kein Mensch ist Illegal“-Schild vor dem Dom gestanden. Man muss Aufmerksamkeit erregen. Zum Glück muss man sich bei uns ja dafür noch nicht verbrennen.
Kühlschrank mit Ausblick - Um Strom zu sparen bewahrt Anne Hahn ihre Lebensmittel auf dem Balkon auf. Ist es so schwer, sich in Passau Gehör zu verschaffen?
Schon, ja. Das ist zwar im Begriff sich zu ändern, aber nur sehr, sehr langsam. Die Studenten haben da viel geholfen mit der Weltoffenheit, die sie mitbringen. Aber der Greenpeace-Gruppe an der Uni hat sich so schwer getan, dass sie sich im Grund wieder aufgelöst hat. Vor zwei Jahren habe ich alle Schulen abgeklappert um für Recyclingpapier zu werben. Mit mäßigem Erfolg.
"Die Welt ist besser als wir denken"
Die Proteste um Stuttgart21 haben den Ausdruck „Wutbürger“ zum Wort des Jahres 2010 gemacht. Sind sie ein Wutbürger, Frau Hahn?
Nein. Mit Wut erreicht man nichts. Ich glaube da eher an Geduld, Freundlichkeit und hartnäckige Konstanz. Nehmen Sie zum Beispiel die Aktion am Schanzl. Da habe ich Autofahrer an der Ampel angesprochen und gefragt: „Wollen Sie nicht etwas Sprit sparen?“ Nebenbei tut es auch der Umwelt gut. In meiner Tasche habe ich einen sehr interessanten Spiegelartikel mit dem Titel „Die Welt ist besser als Sie denken“. Man schaut immer nur auf die schnellen Erfolge. Langfristig hat sich aber schon viel getan. Zum Beispiel ist der Anteil der Analphabeten in der Welt in 20 Jahren von 27 auf 16 Prozent gesunken. Auch die Zahl der Länder, in denen es Hinrichtungen gibt, sinkt. Die Welt wird insgesamt schon friedlicher.
Szenenwechsel: Anne Hahn will mir ihre Wohnung zeigen. Eigentlich ist es nur ein Zimmer – in einem Studentenwohnheim. 28 Quadratmeter, Bett, Schreibtisch, Bücherregal, eine kleine Kochnische. An den Wänden hängen selbstgemachte Bilder, über dem Bett sind bunte Tücher angebracht.
Hier lebt Anne Hahn - auf 28 Quadratmetern in einem Studentenwohnheim. Wie lange wohnen Sie schon hier?
Seit drei Jahren. Mehr brauche ich nicht. Ich heize überhaupt nicht, den Kühlschrank habe ich abgeschaltet. Meine Lebensmittel lagere ich auf dem Balkon, der geht nach Norden raus. Ich recycle auch Wasser. Wenn das Spülwasser nicht zu verdreckt ist, dann benutze ich das noch als Toilettenspülung. Es ist für mich schon ein richtiger Sport geworden, mit möglichst wenig auszukommen. Später bin ich noch zum kostenlosen Essen im Kloster Niedernburg verabredet. Meine Kleider hole ich von der Caritas oder dem Roten Kreuz. Das war mir anfangs etwas peinlich, darüber zu sprechen. Mittlerweile nicht mehr, das sind gute Sachen. Meinen Fernseher habe ich auch verschenkt.
Einen CD-Spieler haben Sie aber noch. Was hören Sie denn gerne?
„Die Kraft der Obertöne“, eine Aufnahme von Peter Tilch hier vom Stadttheater am Klavier. Wenn es mir schlecht geht, dann höre ich einfach nur Meeresrauschen.
Wann waren Sie denn zum letzten Mal am Meer?
1992 habe ich Urlaub auf Lanzarote gemacht. Heute verzichte ich ganz auf Flugreisen. Ein einziger Flug auf die Kanaren ist so umweltschädlich wie vier Jahre Autofahren. Aber es fehlt mir nicht. Es gibt hier so schöne Flecken, die ich alle mit dem Rad erreichen kann. Außerdem bin ich früher unglaublich viel gereist.
"Jetzt habe ich halt keinen Backofen mehr."
Sie haben also auch mal anders gelebt?
Ja, ganz anders. Die Entwicklung kam langsam, als die Kinder größer wurden, habe ich begonnen, mich mit vielen Dingen zu beschäftigen. Mit meinem Mann, vier Kindern und zwei Autos habe ich in einem großen Haus gewohnt. Wir hatten Gemüse im Garten, das war es dann aber auch schon. Die Umstellung ist mir aber nicht schwer gefallen. Früher habe ich Pizza für sechs Leute im Backofen gemacht. Heute habe ich eben keinen Backofen mehr.
Wie ist ihre Familie mit ihrem Wandel umgegangen?
Zwei meiner Kinder sind auch auf der Umweltschiene. Meine Tochter (heute 27) hat damals nach einem Praktikum beim Tierarzt aufgehört, Fleisch zu essen. Auch einer meiner Zwillinge (heute 25) ist ganz auf dieser Linie. Meinen ältesten Sohn (heute 29) hat das mitten in der Pubertät getroffen, der war natürlich total dagegen. Meinen Mann habe ich nach zwei Jahren dazu gebracht, eines unserer Autos zu verkaufen. Aber auch nur, weil ich es konsequent nicht benutzt haben. Heute leben wir zwar räumlich getrennt, wir sind aber nicht geschieden. Nach 36 Jahren halte ich so etwas für unnötig.
Dr. Anne Hahn (64) stammt aus dem Rheinland. Die ehemalige Allgemeinärztin hat ihren Lebensstil drastisch verändert und ist in Passau als Multi-Aktivistin bekannt geworden. Unter anderem durch den Hungerstreik für Ismail Afzali und als die Frau vom Schanzl. Dort stand sie eineinhalb Jahre. Erst mit einer Weste mit der Aufschrift „Autofahren ist heilbar“, später auch mit einem Schild „Bitte Motor abstellen“. Interview und Fotos: Laura Lugbauer
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