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2 bis 3 Uhr: Eine Stunde in der Passauer Taxizentrale

Eine wohlbekannte Stimme

„Kommen Sie rauf.“ Eine Stimme, eher tief und ein bisschen kratzig, aber doch mit einem angenehm warmen Unterton. Irgendwo zwischen Kneipentour und mütterlich.

veröffentlicht von Laura Lugbauer am 25.07.2011 20:59 Uhr im Ressort Bilder
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Die wohlbekannte Stimme, die sonst spätnachts sagt: „Ich schick gleich jemanden vorbei“, und damit meint: Keine Sorge, du kommst wohlbehalten heim. Wie wohl das Gesicht dazu aussieht?

Es ist Freitag, zwei Uhr früh, das Treppenhaus ist finster. Oben führt ein Licht in das Büro von Ilona Spalt. Sie sitzt mit dem Rücken zur Tür, vor ihr auf dem Schreibtisch stehen drei Computerbildschirme, eine Art Sprechanlage, ein Drucker, zwei Telefone. Eines davon hat die 51-Jährige gerade am Ohr. Sie dreht sich nicht um, aber ihr rechter Arm hebt sich hinter der Lehne des Bürosessels und winkt den Besuch herein.



„Dann hat der wohl den Falschen mitgenommen. Ich schick' gleich nochmal wen raus. Augenblick bitte“, sagt sie in den Hörer, dann dreht sich der Stuhl leicht, Ilona Spalt wendet sich dem beigen Kästchen auf dem Tisch zu, drückt den untersten Knopf und gibt durch: „Club Amore.“ Das Gesicht zur Stimme ist konzentriert, die hellblauen Augen schauen durch eine auffälige Brille mit rotem Rahmen auf den Bildschirm. Ihre braunen Haare hat Ilona Spalt zum Pferdeschwanz gefasst, der von einem lila Samt-Haargummi gehalten wird. Ihre Kleidung ist schlicht: Jeans, ein grauer Pullover, darüber ein schwarzes Bolero-Jäckchen. Auffällig sind nur die wild gemusterten Turnschuhe. Das Telefon läutet schon wieder. Sie wirft einen entschuldigenden Blick über die Schulter, greift zum Hörer: „Taxizentrale, Grüß Gott.“

"Man muss die Nacht lieben und den Job"


Bereits seit 20 Uhr sitzt Ilona Spalt in dem Büro in der Neuburger Straße, bis 6 Uhr früh geht ihre Schicht. Gerade in den frühen Morgenstunden hat sie am Wochenende viel zu tun. Jetzt ist aber ein Augenblick Zeit, das Telefon schweigt und die 51-Jährige geht in die kleine Küche nebenan und kocht Kaffee. Vor 13 Jahren hat sie angefangen in der Taxizentrale, dann eine Zeit lang Pause gemacht. Seit fünf Monaten geht sie wieder nachts ans Telefon der Taxizentrale und koordiniert die Fahrten. Ilona Spalt serviert den Kaffee „schwarz wie die Nacht“. Letztere muss man mögen, meint sie. „Man muss die Nacht lieben und den Job.“ Bei ihr ist beides der Fall.

Über die Sprechanlage meldet sich ein Taxifahrer. Für das ungeübte Ohr ist das, was aus dem Lautsprecher kommt, nur Rauschen. Ilona Spalt lacht. „Ja, da braucht man schon ein Gehör dafür“, sagt sie, „aber das kriegt man mit der Zeit schon.“ Wieder hacken die langen Fingernägel auf die Tasten ein. Auf dem Bildschirm ganz links, erklärt sie, werden Fahrten und Bestätigungen eingegeben, auch die ungefähre Ankunftszeit des Taxis. Auf dem mittleren Bildschirm werden die Gespräche erfasst und aufgezeichnet. Und der Monitar ganz rechts ist für das Anruf-Sammeltaxi (AST) der Stadtwerke, das ebenfalls über die Taxizentrale koordiniert wird.

Das Telefon klingelt wieder. „Na, die kommt heute aber rum“, sagt Spalt und lacht etwas heiser. „Eine Dame aus der Haitzinger Straße“, schiebt sie als Erklärung nach, „schaut aus, als würd das Geschäft heut gut laufen, die fährt von einer Kundschaft zur nächsten.“ Mit ihren langen, manikürten Nägeln fischt sie eine Zigarette aus der Schachtel, die neben ihr auf dem Schreibtisch liegt. Auf das Nagelbett ist ein schwarz-weißes Muster gemalt, die Spitzen sind rot. Das Feuerzeug klackt, die 51-Jährige nimmt einen Zug. Durch das offene Fenster weht angenehm kühle Luft herein. Zwei mal zieht sie am Filter, die Glut leuchtet kurz auf, Rauch steigt in die Luft und dann klingelt auch schon wieder ein Telefon. Eine Bekannte, es wird ein Kaffeeklatsch ausgemacht und dass ihr Taxi um drei kommt. Dann muss Ilona Spalt die Anruferin schon wieder abwimmeln. Das andere Telefon geht schon wieder. „Du, i muss Schluss machen“, sagt sie, „bei mir geht’s heut zu.“

Je später der Abend, desto lauter die Anrufer


Langweilig wird es selten, vor allem am Wochenende nicht. Wenn doch, liegen auf einem Regal im Eck ein paar Zeitschriften bereit, hauptsächlich Frauenmagazine. An einer großen Pinnwand hängen Zeitungsausschnitte und der Zugfahrplan. Gegenüber ist ein Schrank mit Andenken. Alte Fotos stehen da drin, Krüge und Taxameter aus allen Epochen. Das Älteste ist schon gut hundert Jahre alt.

Der große Zeiger der Wanduhr hat die Acht - 20 vor 3 - bereits passiert, die Stimmen am anderen Ende der Leitung werden lauter. „Ich bräuchte ein Taxi ins Sooooda“, ruft eine junge Frau so laut durchs Telefon, dass man es am anderen Ende des Raumes noch versteht. Ilona Spalt verweist auf den Taxt-Stammplatz in der Bahnhofstraße, nur wenige Meter weiter. „Aber wir brauchen es zum Sooooda“, ruft sie, wobei sie das O noch einmal besonders lang zieht. Was dann folgt, versteht man nicht mehr so genau, es scheint aber, als ginge es um einen stark betrunkenen Freund, der sich mit dem Gehen schon ein bisschen schwer tut. „Dann nimmst ihn halt Huckepack“, sagt Ilona Spalt.

Freilich, je später die Nacht, desto turbulenter werden die Fahrten. Dass ein Fahrgast aber einmal rabiat wird, das kommt nur sehr selten vor, sagt die 51-Jährige. „Für den Fall haben wir aber einen direkten Draht zur Polizei, die sind dann auch immer gleich zur Stelle.“ Außerdem melden sich auch immer die Kollegen schnell per Funk, ob alles in Ordnung ist, ob man zu Hilfe kommen soll. „Vor allem, wenn es eine Taxifahrerin ist.“ Rund 35 Taxis sind an die Genossenschaft angeschlossen und werden über die Zentrale koordiniert.

Fast drei Uhr, es ist Zeit zu gehen. Ilona Spalt steht auf, bringt ihren Gast zur Tür, verabschiedet sich gut gelaunt, aber kurz. „Auf Wiedersehen, eine gute Nacht noch“, sagt sie und dann: „Oh mei, Sie finden eh raus? Ich muss!“ Im Hintergrund klingelt wieder das Telefon. Der nächste Nachtschwärmer will abgeholt werden. Die Treppe hinunter, raus aus der Tür, in die kühle Nacht. Es ist stockdunkel. Nur aus dem Fenster im ersten Stock kommt noch Licht. Es ist offen, eine dünne Rauchschwade zieht heraus, man hört Ilona Spalt sprechen. Jetzt ist sie wieder ganz Stimme.

Fotos: Laura Lugbauer


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Schlagwörter & Themen:
betrunken , Bahnhof , Bahnhofstraße , Neuburger Straße , Haitzinger Straße , Stadtwerke

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