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3 bis 4 Uhr: Eine Stunde mit der Polizei unterwegs

Die Geschichte von dem, der nicht abhauen wollte

Wenn die Nacht lang war, ist der Heimweg oft noch länger. Lang ist die Nacht auch für die Beamten der Passauer Polizei. Langweilig ist ihnen dabei aber selten.

veröffentlicht von Laura Lugbauer am 29.07.2011 12:57 Uhr im Ressort Passau. Ich liebe Dich.
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Drei Uhr früh. Es ist ruhig in der Nibelungenstraße. Hinter den Fensterscheiben der Wohnhäuser und Geschäfte: Dunkelheit. Nur die Laternen werfen ihr kaltes Licht in die Nacht, die immer noch ungewöhnlich warm ist. Zwei Nachtschwärmer in kurzen Ärmeln passieren, sich leise unterhaltend, die Polizeiinspektion. Dort brennt noch Licht.

Im Inneren ist von der Ruhe, die vor den Türen herrscht, wenig zu spüren. Gerade kam eine Alarmierung. Dienstgruppenleiter Jürgen Sälzer (40) und sein Kollege Gerhard Reh (37) sind auf den Beinen, ziehen ihre Uniformjacken über. Sie sind zwei von neun Polizisten, die heute Nachtschicht haben. „Taxibetrug in Fürstenzell“, erklärt Sälzer mit ruhiger Stimme. Dafür, dass es in dieser Nacht, die für die Beamten um 18.30 Uhr begonnen hat und um 6.30 Uhr endet, schon rund 20 Einsätze gegeben hat, darunter einen Brand, einen versuchten Einbruchdiebstahl und drei kleinere Unfälle, wirken die Männer erstaunlich gelassen. Es ist das normale Pensum einer Nachtschicht, nichts Ungewöhnliches.

"I wollt ned abhauen!"


Mit dem Dienstfahrzeug geht es also nach Fürstenzell. Vor der VR-Bank steht schon das Taxi, daneben der Fahrer, ein kleiner Mann mit rundem Bauch und langen grauen Haaren. Mit den Armen wild gestikulierend redet er auf einen jungen Mann ein. Der ist einer der Fahrgäste, seine beiden Begleiter haben das Weite gesucht. Den hier, den habe er grade noch festhalten können, erklärt der Taxifahrer. Ein Passant ist ihm zu Hilfe gekommen, jetzt steht er eher hilflos am Rand der Szene. Der Fahrgast, ein 19-Jähriger in Jeans und T-Shirt, steht – schon etwas wankend, der Alkotest soll später rund zwei Promille ergeben – zwischen Taxifahrer und Polizisten und beteuert immer wieder: „I wollt ned abhauen“. Was sich genau zugetragen hat, das ist noch nicht so richtig ersichtlich, denn statt mit den Beamten reden die Männer miteinander. Dabei wiederholt sich immerzu folgender Dialog. „I wollt ned abhauen“ - „Freilich wolltst abhauen“ - „Na, i wollt ned abhauen.“ Der 19-Jährige wird immer lauter, die Diskussion dreht sich offenbar im Kreis. Was ist denn nun passiert, fragt Jürgen Sälzer und bekommt zur Antwort: „I wollt ned abhauen!“

Jürger Sälzer lässt sich vom Taxler berichten, was passiert ist, während Gerhard Reh mit dem jungen Mann spricht. Der erzählt, er habe die beiden anderen Fahrgäste in einem Passauer Club kennen gelernt. Er wollte zu seiner Freundin nach Pocking fahren, hatte aber kein Geld mehr. Die beiden Männer haben ihm angeboten, ihn bis Fürstenzell mitzunehmen, erzählt er. Dort wollte dann einer der beiden seine Freundin verständigen, die den 19-Jährigen ins Rottal kutschieren sollte. Vor der Bank angekommen, so schildert der junge Mann die Situation weiter, sind seine beiden Disco-Bekanntschaften aus dem Wagen gesprungen und haben sich, so wird es später im Polizeibericht stehen, „in unbekannte Richtung entfernt“. Zurück blieben ein verdutzter 19-Jähriger ohne Geld und ein verärgerter Taxifahrer, ebenfalls ohne Geld. Etwa 25 Euro betragen die Fahrtkosten von Passau nach Fürstenzell.

Partyfoto mit dem Polizisten


„I wollt ned abhauen“, spult der 19-Jährige wieder und wieder mantraartig ab, wie eine hängengebliebene CD. „Freilich wolltst abhauen“, ruft der Taxifahrer. Jürgen Sälzer ruft die beiden zur Ordnung. Seinem Kollegen wirft er einen leicht genervten Blick zu. Gerade am Wochenende hat die Nachtschicht es oft mit Betrunkenen zu tun. Die sind eine ganz eigene Klientel. Für den Außenstehenden ist die Szene, wie sie weiter abläuft, zwar lustig. Für die Beamten aber heißt es viel Geduld zeigen.


Gerhard Reh nimmt die Personalien des 19-Jährigen Taxi-Fahrgastes auf.

Eine vorsichtige Anfrage, ob man denn ein Foto machen dürfe davon, wie die Personalien aufgenommen werden. Natürlich nur so, dass der junge Mann nicht erkennbar ist – dazu muss man sich als Pressevertreter vorab verpflichten. Sein Gesicht will er zwar nicht in den Medien sehen, ein Erinnerungsfoto mit Gerhard Reh möchte er aber schon haben. Ehe der Polizist weiß wie ihm geschieht, hat der 19-Jährige schon den Arm um seine Schultern gelegt und sich in Partyfoto-Pose geworfen. Gerhard Reh windet sich aus der Umklammerung. „So machen wir das nicht“, sagt er bestimmt. Schade, findet der 19-Jährige und gibt dann doch brav seine Personalien an.

Er könnte Heim, will aber lieber zu "Mausi"


Bleibt noch die Frage, wer nun das Taxi bezahlen soll. Der verbliebene Fahrgast kann es nicht tun, sein Geldbeutel ist leer, sein Bankkonto auch. Von seinen Bekanntschaften weiß er nur die Vornamen – und die sind nicht recht ungewöhnlich. Auch die Personenbeschreibung des Angetrunkenen ist nicht sehr ergiebig: „Der einen hat keinen Bartwuchs gehabt!“. Der Taxifahrer beschließt, wieder zu fahren, um nicht noch mehr Geschäft zu verlieren an diesem Abend. Wie kommt der gestrandete 19-Jährige jetzt heim? Er könnte sich von den Polizisten mitnehmen lassen, aber das will er nicht. Es zieht ihn zu seiner Freundin, die, wie sich im Verlauf des Gesprächs herausstellt, eigentlich nicht mehr so direkt seine Freundin ist, sondern die Ex. Trotzdem hält er es für die einzig mögliche Übernachtungsstätte an diesem Abend. Nach langem Zureden der Beamten ruft er die junge Frau an, sie soll ihn abholen. Als das Telefonat mit einem reumütigen „Hallo, Mausi“ beginnt, werfen sich Sälzer und Reh vielsagende Blicke zu. Solche persönlichen Dramen am Rande, das gehört auch zur Nachtschicht bei der Polizei. Mausi erklärt sich bereit, ihren Verflossenen in Fürstenzell abzuholen. Jürgen Sälzer lässt sich das von ihr selbst noch einmal versichern und steigt dann zu seinem Kollegen in den Dienstwagen. Es dämmert schon, als das Duo zurück in die Stadt fährt, und die ersten Vögel zwitschern bereits.

Bevor es zurück zur Dienststelle geht, drehen Sälzer und Reh noch eine Runde durch die Stadt. Vom ZOB geht es über die Bahnhofstraße durch die FuZo, über die Rosstränke wieder zurück. Nichts Auffälliges. Nur unter der Schanzlbrücke machen die beiden Halt und beobachten kurz drei Männer auf dem Weg zu ihrem Auto. Einer von ihnen geht zielstrebig zum Wagen, die beiden anderen wanken schon merklich. Die Wankenden nehmen auf der Rückband Platz, der, der noch gut auf den Beinen ist, steigt an der Fahrertür ein. „Hier hätten wir bei Bedarf präventiv eingegriffen“; erklärt Sälzer, "bevor jemand, der vielleicht nicht mehr fahrtüchtig ist, ins Auto steigt, machen wir dann lieber noch einen Alkotest." Nachdem das nicht nötig war, fährt das Duo zurück zur Dienststelle.

Ruhe -bis zum nächsten Alarm


Gerhard Reh zieht sich in sein Büro zurück, es müssen Berichte geschrieben und Daten erfasst werden. Jürger Sälzer erledigt ebenfalls Schreibarbeit, die während der Schicht liegen geblieben ist.Im Schichtdienst hat man je einen Spät-, dann einen Frühschicht, am gleichen Abend muss man zum Nachtdienst. Dann zwei freie Tage, dann geht es wieder los mit der Spätschicht. Sälzer muss als Dienstgruppenleiter nicht nur Anzeigen von draußen bearbeiten und Termine verwalten. Er kontrolliert auch Anzeigen oder Unfallberichte von seinen Mitarbeitern. Da es bei einer Alarmierung sofort ausrücken heißt, kommt er oft erst in den frühen Morgenstunden dazu, wenn es langsam ein bisschen ruhiger wird.


Auch die Schreibtischarbeit gehört zur Nachtschicht: Dienstgruppenleiter Jürger Sälzer auf der Dienststelle.

Von draußen dringt kein Geräusch herein, drinnen ist nur das leise Surren der Computer zu hören, aus dem Nebenzimmer dringt kaum hörbar Tastenklappern. Ab und zu raschelt Papier. Still ist es im Gebäude in der Nibelungenstrraße jetzt, kurz nach vier Uhr früh. Bis zur nächsten Alarmierung.

Fotos: Laura Lugbauer


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