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KVV-Bauvorhaben beschert der Stadt seitenweise Einwendungen

Nostalgie und die Angst vorm neuen Turm

Die geplanten fünf neuen Bürogebäude an der Erhard- und Grünaustraße beschäftigen Stadt und Bürger. Seitenweise Beschwerden, seitenweise Erklärungen und Antworten.

veröffentlicht von Susanne Wax am 23.11.2011 16:22 Uhr im Ressort Politik

Für die Büro- und Dienstleistungsgebäude, die die Kapfinger Vermögensverwaltung (KVV) auf dem 8.000 Quadratmeter großen Areal zwischen Batavia Haus, Erhardstraße und Grünaustraße errichten möchte, gab es gestern im Ausschuss für Stadtentwicklung und Verkehr den positiven Satzungsempfehlungsbeschluss. Die KVV darf weiter planen. Wieder waren Bürger in der Sitzung anwesend, die schon in der Septembersitzung ihrem Ärger Luft gemacht hatten (nachzulesen in unserem Artikel "Billigbau statt grüner Au"). Vor allem die Eigentümergemeinschaft des angrenzenden Batavia-Hauses hat Einspruch gegen das Bauvorhaben erhoben.

43 Seiten umfasst die Zusammenfassung der Einwendungen, sprich der Bedenken, die Bürger im Rahmen einer öffentlichen Auslegung äußern durften, sowie der Erklärungen der Stadt dazu. Liest man sich die Bedenken und Antworten durch, so wird schnell klar: Die Angst der Bürger vor Lärm und Verschattung lässt sich kaum mit der positiven Haltung der Stadt gegenüber der neuen Arbeitsplätze und der Auffüllung der Lücke mitten in der Stadt vereinbaren. Der Bauträger, die KVV, hat indes in Person von Bevollmächtigtem Rudi Ramelsberger betont, das Gespräch mit den Anliegern vermehrt gesucht zu haben.


8.000 Quadratmeter groß ist die Fläche, momentan noch ein Parkplatz, auf dem die KVV die Gebäude errichtet. Es entstehen wichtige Arbeitsplätze im Zentrum, sagt die Stadt.


Doch die Anwohner wollen die fünf Bürogebäude vor ihren Wohnungsfenstern nicht. Manche nennen nostalgische Gründe, die an die Zeit der im wahrsten Sinne "grünen" Au erinnern, andere haben ihre Anwälte baurechtlich-fachlich fundierte Schreibern verfassen lassen. Ein paar Auszüge, teils mit Antworten der Stadtverwaltung (kursiv):

"Seit mehr als 87 Jahren lebe ich in 4. Generation in diesem Anwesen und konnte so manche Entwicklung erleben. Ein Blick in die Vergangenheit würde Ihnen einen Einblick in dieses ehemalige hochherrschaftliche Areal geben und Ihnen die Entwicklung aufzeigen."

"So manches Wildtier verirrt sich am Wochenende sogar in die Hinterhöfe! Und die Menschen, die diese Entwicklung dieser Gegend kennen und dort noch leben, sind schon fast an einer Hand abzuzählen. Die Zeiten ändern sich, keine Frage, aber es erfüllt einen schon mit einer gewissen Trauer, wenn man die wunderbaren Gartenanlagen, Orangerien, Kühlhäuser, Pferdeställe, Waschanlagen, Gartenhäuser, usw. in eigener Erinnerung oder aus Fotounterlagen einer ehemaligen hochherrschaftlichen Wohnanlage kennt."

"Schließlich sind wir durch den stark angeschwollenen Zugverkehr bei Tag und Nacht mit Lärm schon genügend belastet."

"Ein neuer ,Turm' ist im Werden. (...) Die architektonisch missglückten Bauten der Neuen Mitte sollten hier ein Lehrbeispiel sein, die nicht zu wiederholen sind."

"Mit der Expansion der damaligen PNP und unter Ausweisung eines Mischgebietes begannen jedoch die Beeinträchtigungen für die angestammten Anwohner. (...) Der Bau eines großen Papierlagers (...) sowie die spätere Aufstockung führten zu einer erheblichen Beschattung mit verminderter Sonnenzeit am Nachmittag und Abend. Hinzu traten erhebliche Lärmimmissionen durch das Ausladen der tonnenschweren Papierrollen (...). Der später erfolgte Bau eines riesigen Rotationsmaschinen-Gebäudes im Süden des Grundstücks reduzierte den Lichteinfall noch weiter. Hinzu kamen auch hier produktionsbedingt stete Lärmbelästigungen nachts, durch die Maschine, lärmende Mitarbeiter und Parkplatzverkehr.

Dazu nimmt die Stadtverwaltung wie folgt Stellung:

Vor allem Bewohner des Batavia-Hauses haben Einwände gegen die fünf neu entstehenden Bürogebäude. Sie fürchten Lärm und Verschattung.
Die Entwicklung war im Wesentlichen der Ausdehnung bzw. Wachstum der Stadt Passau geschuldet: Historisch befand sich dieser Bereich am Rand der Stadt. Aus dieser Randlage entwickelte sich, insbesondere in den Nachkriegsjahren, die heutige Zentrumssituation. So rückte die geschilderte meist großzügige Wohn- bzw. Villenbebauung mehr und mehr ins Zentrum und wurde durch die in diesen Lagen typischen Dienstleistungsnutzungen zum Teil verdrängt. Seit mehr als 20 Jahren greift die Stadt hier steuernd ein. So konnte durch Schaffung geeigneter Gewerbeflächen am Stadtrand die Aussiedlung des (...) großen Druckereibetriebes ermöglicht werden. Eine ebenfalls das Wohnumfeld erheblich beeinträchtigende (...) Hauptverkehrsverbindung (Dr.-Hans-Kapfinger-Straße) konnte durch die Realisierung der „Neuen Mitte“ verlegt und somit die durch das Verkehrsaufkommen verursachten Immissionen erheblich reduziert werden. Das mit dem vorliegenden Bebauungsplan verfolgte städtebauliche Ziel ist – neben der aufgrund der Vermeidung eines Flächenverbrauchs generell zu begrüßenden Nachverdichtung – die Stärkung der vorliegenden Kerngebietsfläche. Dieser zwar zentral, d.h. städtebaulich attraktiv gelegene, mit optisch wenig ansprechenden Parkplätzen durchsetzte Bereich drohte sich zu einer Brachfläche hin zu entwickeln. Durch das geplante Vorhaben können, das vorhandene Wohnen nicht wesentlich störende Arbeitsplätze mit optimaler Anbindung an das ÖPNV-Netz geschaffen werden."


"Aufgrund der beträchtlichen Verkehrszunahme, welche nach Realisierung des Projektes zu erwarten ist, sind die daran angrenzenden Bewohner (vorwiegend Mietshäuser) erheblichen Immissionen ausgesetzt."

Dazu nimmt die Stadtverwaltung wie folgt Stellung:
"Die Zufahrt zur geplanten Tiefgarage erfolgt unmittelbar über die Grünaustraße. Die Verkehrsbewegungen in der Erhardstraße selbst wird, da die derzeit darüber anzufahrenden oberirdischen Parkplätze weitgehend aufgelassen werden, spürbar zurückgehen."





Weitere Hauptargumente der Stadt für das Bauvorhaben:


Abstand, Höhe und Lärm: Laut Stadtverwaltung werden im Bebauungsplan der fünf Gebäude die in der Bayerischen Bauordnung festgelegten Abstandsflächen eingehalten. Eine "das zumutbare Maß überschreitende Verschattung" bei bestimmten Wohnungen sei nicht zu erwarten. Auch bei der Höhe halte man sich an Vorschriften. Die Baumassen blieben ganz erheblich unter denen der Nachbarbebauung zur Dr.-Hans-Kapfinger-Straße hin. Keines der Häuser überschreite die Höhe der historischen „Müller-Villa“ (Dr.-Hans-Kapfinger-Straße 14). Es handle sich bei den geplanten Baukörpern um Bürogebäude mit maximal fünf Vollgeschossen, das dem Batavia-Haus zugewandte hat drei Geschosse. In Sachen Lärm gebe es ein Gutachten, das besagt, dass die zulässigen Werte sowohl tagsüber wie zu den Nachtstunden beim Bau der geplanten Tiefgarage nicht überschritten werden.

So wurde im Ausschuss diskutiert:


Im Stadtentwicklungsausschuss am gestrigen Dienstag gab es vor allem Kritik am Gestaltungsbeirat (siehe Kasten unten). Der hatte davon abgeraten, das dem Batavia-Haus zugewandte Gebäude leicht versetzen - so war es in der vergangenen Sitzung vorgeschlagen worden, um den Anwohnern mehr Licht und Luft zu verschaffen. "Wofür haben wir einen Gestaltungsbeirat, wenn er die Passauer Bürger nicht berücksichtigt?", fragte Paul Kastner (ÖDP). Er stimmte gegen den Satzungsempfehlungsbeschluss. Gleich taten es ihm Fraktionskollegen Michael Geins und Grünen-Stadtrat Karl Synek. Synek findet die Baukörper "viel zu massig" - und er kritisierte vor allem die reine Büronutzung der neuen Gebäude: "Die Stadtentwicklung hatte dort etwas anderes im Auge. Es hätten auch einige Wohnungen verwirklicht werden sollen." So lasse man die Innenstadt mehr und mehr verwaisen, sagte Synek: "Für den Investor rentieren sich Büros wohl mehr als Wohnungen."

FWG-Stadtrat Alois Feuerer gab ihm in diesem Punkt Recht: "Wir hätten eine Auflage mit 25 Prozent Nutzung als Wohnraum machen sollen. Das haben wir verpasst." Ansonsten aber unterstütze Feuerer das Bauvorhaben: "Es entsteht hier ein Komplex, der in seinen Dimensionen, Funktionen und auch baulich eine Bereicherung ist." Dass in den Stadtzentren kleine Bebauung größeren Gebäuden weiche, sei überall der Fall: "Da müssen wir diese nostalgischen Dinge wie die Erinnerung an die Gründerzeit mit seinen Villen außer Acht lassen."

OB Jürgen Dupper wies die Kritik am Gestaltungsbeirat zurück, befürwortete das Bauvorhaben - gab aber auch zu, dass es ein schwieriges Unterfangen sei: "An diesem Beispiel wird deutlich, dass eine unserer Maximen in der Stadtentwicklung auch ihre Tücken hat." Mit der Maxime meinte er die Vorgabe der Stadt, sich "von innen nach außen zu entwickeln", also erst Lücken in der Innenstadt zu füllen anstatt am Stadtrand zu bauen.


Was macht der Gestaltungsbeirat?
Die Stadt hat als Beratungsgremium einen Gestaltungsbeirat mit "städtebaulich namhaften Personen", so die Erläuterung in den Auslegungsschreiben, geschaffen, um insbesondere bei städtebaulich bedeutsamen Vorhaben bzw. Planungen kompetente externe Fachmeinungen hinzuzuziehen und gegebenenfalls diskutieren zu können. Es wird betont, dass Beratungen dieses Gremiums keine „Sitzungen der Stadt Passau“ darstellen. Anwohner hatten moniert, dass diese Treffen nicht-öffentlich ablaufen würden. Es würden aber auch im Gestaltungsbeirat keine letztverbindlichen Entscheidungen bzw. „Beschlüsse“ getroffen, sondern es fände eine interne Beratung statt, in deren Ergebnis der Stadt fundierte Empfehlungen an die Hand gegeben werden. Die Entscheidung darüber, diesen Empfehlungen zu folgen, obliegt den jeweiligen Stadtratsgremien – hier dem Ausschuss für Stadtentwicklung und Verkehr.



"Protest! Ich will hier leben können": Mit diesem Schild im Fenster protestieren Anwohner gegen das Bauvorhaben.

Fotos: Archiv Wax

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Passauer Neue Presse , Jürgen Dupper , Dr.-Hans-Kapfinger-Straße , Naturschutz , Alois Feuerer , Grünaustraße , lokalnews , ödp , Paul Kastner , ÖPNV

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