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Interview mit Grünen-MdB Friedrich Ostendorff

"Kann man nur als Qualzucht bezeichnen"

Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, war diese Woche in Passau. lokalnews sprach mit dem Landwirt und Politiker über Massentierhaltung und die daraus resultierenden Lebensmittelskandale.

veröffentlicht von Esther Mischkowski am 03.02.2012 09:01 Uhr im Ressort Politik

Antibiotika im Essen ist derzeit sein Thema: Friedrich Ostendorff, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90 / Grünen und agrarpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion, ist selbst Landwirt, der schon 1984 auf ökologischen Betrieb umgestellt hat. Am Mittwochabend war der Nordrheinwestfale auf dem Passauer Biohof am Stelzlhof zu Besuch, um vor örtlichen Landwirten über die problematische Massentierhaltung zu sprechen. lokalnews traf Ostendorff vorab zum Gespräch über Lebensmittelskandale, deren Ursachen und seine politischen Forderungen.


Friedrich Ostendorff auf seinem Hof in Nordrhein-Westfalen
Herr Ostendorff, was beschäftigt Sie derzeit am meisten im Bezug auf den Lebensmittelmarkt?
Friedrich Ostendorff: 2011 fing ja gleich an mit dem Dioxin-Skandal, dann hatten wir im Sommer EHEC, und jetzt setzen wir uns sehr intensiv mit dem Einsatz von Antibiotika auseinander, die prophylaktisch in der Tiermast eingesetzt wird - was verboten ist und was auch im Sinne des Verbraucherschutzes nicht sein darf. 60 Prozent der Antibiotika werden nicht Menschen, sondern Tieren verabreicht – aber genau weiß man das nicht, denn es gibt einen großen grauen Markt, und das ist noch freundlich ausgedrückt. Der Antibiotika-Einsatz ist ja seit 2006 in der EU verboten mit Ausnahme von kranken Tieren, was ja auch völlig unstrittig ist. Kranke Tiere müssen behandelt werden.

Was ist Ihre Zielsetzung?
Ostendorff: Wir als Grüne und ich als agrarpolitischer Sprecher zusammen mit den Bürgerinitiativen kämpfen an vorderster Front dafür, dass die Landwirtschaft wieder mit dem Bild der Menschen von Landwirtschaft zusammenpasst. Denn die Realität ist heute in großen Teilen der Landwirtschaft eine ganz andere: Die Tiere werden so produziert wie woanders Knöpfe: in geschlossenen Hallen und sehr, sehr großen Einheiten. Hähnchen finden sich heute in 40.000er Stallanlagen wieder, und wenn die nach 32 Tagen schon 1,6 Kilo wiegen, sind 22 bis 24 Hühner pro Quadratmeter schlicht zu viel. Bei dieser Dichte der Haltung entstehen enorme Krankheitsprobleme. Deshalb wird in der Hähnchenmast permanent eine mindere Dosierung Antibiotikum über das Wasser zugegeben, um den latenten Krankheitsdruck in diesen Stallungen niedrig zu halten. Da stellt sich die Frage, ob das mit einer Gesellschaft vereinbar ist, die sich als modern bezeichnet und Tierschutz sogar im Grundgesetz verankert hat.

Also muss man das EU-Verbot schlicht durchsetzen, der Rest regelt sich dann von selbst?
Ostendorff: Das ist nicht so einfach, man kann ja den Hebel nicht einfach umlegen. Es bedeutet ja gewaltige Investitionen, so eine Standardstallung umzubauen. Da sagt natürlich der Halter, das kann er sich nicht leisten. Dann kommen manche in Not. Aber, da kann und sollte man die Betriebe auch unterstützen, den neuen Weg einzuschlagen und zum Beispiel mit einer Zwischenfinanzierung der Kfw helfen.

Ist das kein Kampf gegen Windmühlen?
Ostendorff: Nein. Ich glaube, dass diese Art der Haltung in der heutigen Gesellschaft sehr stark zur Debatte steht. Und es gibt ja schon eine massive Bewegung. Ich war vor 14 Tagen mit dem Thema bei „Hart aber Fair“. Das zeigt, dass die Medien das als wichtiges Thema betrachten, wenn sie einen Bauern wie mich einladen, der in der Wahrnehmung von Manchen als Romantiker von gestern gilt. Diese Tierhaltung ist mittlerweile so stark umstritten , dass etliche Stallbauvorhaben sogar verhindert werden konnten. Aber es ist schwierig. Nach dem Baugesetzbuch sich solche Tierhaltungsanlagen privilegiert. Die müssen sich noch nicht mal an die Emissionsschutzauflagen halten, was sonst jeder Gewerbetreibende hier in Passau und überall erfüllen muss. Die dürfen sogar im Außenbereich bauen – niemand außer die Landwirtschaft und solche Betriebe dürfen das.

Da spielen Ihnen die Lebensmittelskandale ja bei Ihrer Arbeit eigentlich in die Hände?
Ostendorff: Ja, natürlich ist das Wasser auf die Mühlen. Wahrheit und Klarheit setzt sich einfach immer durch. Und ich glaube, dass wir benennen, was Wahrheit und Klarheit ist. Wollen wir wirklich Puten 22 Wochen halten, die dann über 20 Kilo wiegen, mit viel zu schwachen Fußgelenken, die vor lauter Schmerzen nicht mehr aufstehen können, und deshalb Schmerzmittel bekommen? Bei einer normalen Pute ist etwa 16 Prozent des Körpers Brust. Die in der Mast gehalten werden - das sind hybride Spezialzüchtungen wie die „Big-6-Pute“ - haben das doppelte an Brustfleisch. Das sind völlige Irrwege in der Zucht, was man nur als Qualzucht bezeichnen kann.

Bei wem liegt da die Verantwortung? Bei der Politik?
Ostendorff: Die Politik macht sich ja gerne schlank und sagt: Der Verbraucher will das. Der Verbraucher ist ja immer schuld, der will ja Putenfleisch für einen Euro. Aber der Verbraucher weiß nicht, wenn er im Supermarkt nach der Pute greift, was die Wahrheit ist. Heute steht beim Produkt des Marktführers für 1,98 Euro eine Wiese mit einem glücklichen Hähnchen drauf. Das hat ja mit der Realität dieses Betriebes nichts zu tun. Das ist Verbrauchertäuschung. Wir wollen erreichen, dass gekennzeichnet wird: Dieses Huhn hat so gelebt. In 32 Tagen gelebt. Mit 22 Tieren auf einem Quadratmeter. Hat nie das Tageslicht gesehen. Intensivtierhaltung soll gekennzeichnet werden. Dann kann der Verbraucher selbst entscheiden, ob ihm das egal ist, Hauptsache billig. Ich glaube, dass wir die Tierhaltungsverordnung drastisch verschärfen müssen. Es wäre zwar nicht ideal, aber zumindest mal ein Zwischenschritt, nur 15 Tiere auf dem Quadratmeter halten zu dürfen. Dann reden wir aber natürlich auch vom doppelten Preis.


Eint die gemeinsame Sache: Friedrich Ostendorff (2.v.r.) zusammen mit seinen Passauer Mitstreitern (v.l.) Sepp Brunnbauer (Geschäftsführer Biokreis e.V. / Erzeugerring e.V.), Stephan Bauer (Grünen-Stadtrat) und Karl Haberzettl (BUND-Kreisvorsitzender).

Kann man sich das als Otto-Normal-Verbraucher überhaupt leisten?
Ostendorff: Ja, das glaube ich schon. Ich glaube, die meisten von uns sind bereit, mehr zu bezahlen, wenn sie davor stehen und wissen , dieses Tier hat es besser gehabt als das daneben für 1,98 Euro. Dass ich weiß, was ich bekomme, ist eine ganz entscheidende Voraussetzung. Das ist ja beim Autokauf das gleiche, bei Lebensmitteln würden wir da ganz genauso rangehen, nur haben wir die Möglichkeit gar nicht. Wir werden ja im Markt permanent getäuscht, außer bei Bio mit seinen wirklich definierten Kriterien.

Niederbayern ist ja ein trauriges Beispiel für das Aussterben der Landwirte. Wäre es für die nicht eine gute Alternative, auf Bio umzusteigen?
Ostendorff: Wir könnten locker das Doppelte an Biobetrieben brauchen. Die Nachfrage ist da. Aber wir finden keine Betriebe, die bereit sind umzustellen. Sagen Sie mir Betriebe, die umstellen – ich fahre sofort hin. Meine Winterarbeit sind Versammlungen wie diese, und ich bin froh, wenn dann ganz am Ende drei umstellen. Und auch im Bio-Bereich gibt es Betriebe, die aufhören müssen, wegen Rente, Krankheit und weil es keinen Nachfolger gibt. Das hält sich mit den neuen Betrieben gerade so die Waage. Aber das ist längst nicht das, was der Markt braucht. Wir produzieren vielleicht noch 50 Prozent hier im Land, aber ich lege für Bioware aus China nicht die Hand ins Feuer.

Wenn Sie eine zeitliche Prognose aufstellen müssten, wann werden Ihre Ziele konkret?
Ostendorff: Die Bundestagswahl ist ja 2013. Da werden wir auch eine Abstimmung haben über die Frage, wie gehen wir mit der Massentierhaltung um? Wir haben da mittlerweile die Mehrheiten, Agrarpolitik und Massentierhaltung wird mit der Bundestagswahl zur Entscheidung stehen. Wann hätte es denn je gegeben, dass ein SPD-Vorsitzender wie Gabriel wie kürzlich gegen die Massentierhaltung wettert? Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich je so viele Agrarpolitikdebatten im Bundestag wie jetzt hatte. Das zeigt, dass die Politik inzwischen weiß, dass dies ein ernstes Thema ist. Man merkt das auch in den Medien. Leider ist es aber immer noch so, dass erst ein Skandal sein muss, damit man wach wird.

Wie beurteilen sie den Umgang der Medien mit dem Thema? Ist er angemessen?
Ostendorff: Ja, ich finde das richtig. Die Medien machen eins völlig richtig, auch wenn die Headline manchmal etwas reißerisch sind: Sie stellen das System in Frage, und das ist richtig und wichtig. Es sind nicht nur einzelne schwarze Schafe.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Esther Mischkowski.

Fotos: f-ostendorff.de sowie Mischkowski


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